Kritik an der geplanten Kürzung des Pflegegeldes für Blinde

Der Nord-Berliner - Wochenzeitung für den Norden Berlins, 07.08.2003

"Weniger Blindengeld bedeutet für uns weniger Lebensqualität"

von Christiane Flechtner

REINICKENDORF. Wenn Ingrid und Herbert Steinig zum Einkaufen gehen, brauchen sie immer jemanden, der mit ihnen geht - der ihnen sagt, ob in den Konservendosen Obst oder Gemüse ist, ob die Flasche Cola, Fanta oder Saft beinhaltet. Sehen können es die beiden Wittenauer nicht, denn sie sind blind. Und aus diesem Grund werden die für Sehende einfachen Dinge für das Ehepaar schnell kompliziert. Um jedoch eine Haushaltshilfe, eine Begleitperson oder ein Buch in der Brailleschrift bezahlen zu können, erhalten sie ein Pflegegeld für Blinde. Dieses so genannte Blindengeld soll jedoch gekürzt werden. Gegen die geplanten Kürzungen protestiert nun der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin gegr. 1874 e.V. (ABSV) in Form einer Unterschriftenaktion.
Rund 5000 Blinde und 17000 hochgradig Sehbehinderte gibt es in Berlin, und es sind insgesamt 185 Reinickendorfer im ABSV Berlin vertreten. "Die Zahl der Blinden und Sehbehinderten im Bezirk ist jedoch viel höher, es gibt viele blinde und sehbehinderte Reinickendorfer, die keine Vereinsmitglieder sind, und diese sind zahlenmäßig auch nicht erfasst", weiß Herbert Steinig, der für den Verein als Bezirksgruppenleiter in Reinickendorf tätig ist.
Während Ingrid Steinig von Geburt an blind war, verlor ihr Ehemann das Augenlicht nach und nach: "Bei mir in der Familie sind meine Großmutter und meine Mutter durch die Krankheit Grüner Star und durch Aniridie, das Fehlen der Regenbogenhaut, erblindet", sagt der 60-Jährige. Als sehbehindert galt der Reinickendorfer schon früher, konnte jedoch noch seinen Beruf als Kaufmännischer Angestellter ausüben. "Als ich 32 Jahre alt war, war ich jedoch fast vollständig erblindet, und heute kann ich nur noch vage Umrisse erkennen. Für mich war die Umstellung leichter, weil ich ja eine blinde Ehefrau hatte und dadurch vieles schon kannte."
Das Arbeitsamt vermittelte eine Rehabilitation und eine Umschulung: Eineinhalb Jahre verbrachte Herbert Steinig in Würzburg und lernte Brailleschrift (Punktschrift), Maschineschreiben und übte außerdem, seine Mobilität nicht zu verlieren. Anschließend machte der Berliner eine Umschulung in Mainz zum Masseurmedizinischen Bademeister und Lymphdrainage-Therapeut. 25 Jahre war der Wittenauer dann im Klinikum Virchow tätig.
Auch Ingrid Steinig war berufstätig: "Ich habe in der Fernschreibstelle der Technischen Universität als Telefonistin gearbeitet", sagt sie. Somit hatte das Ehepaar immer ein Einkommen und jetzt im Ruhestand eine Rente. Doch auf das Blindengeld können die beiden nicht verzichten: "Als Blinde können wir die Sonderangebote nicht nutzen, weil wir die Mobilität nicht haben, wir sind auf Hilfe im Haushalt und bei Reisen angewiesen, und wir benötigen bestimmte Haushaltsgeräte, die auch Blinde bedienen können", fügt Herbert Steinig hinzu. Dazu gehören Personenwaage, Fieberthermometer oder Blutdruckmessgerät, welche per Sprache das Gewicht, die Temperatur oder den Blutdruck angeben. Auch die Waschmaschine, die mit einer Folie mit Punktschrift ausgestattet ist, gehört dazu.
"Das Blindengeld ist kein Einkommen", erklärt der Vorsitzende des ABSV Berlin, Dr. Manfred Schmidt, "Blinde müssen wie alle Berliner bereits Abgabenerhöhungen und Leistungskürzungen verkraften und sollen nun als zusätzliches Opfer durch Blindheit hervorgerufene Mehrkosten selber tragen. Das Blindengeld hilft, die vielen kleinen und großen Schwierigkeiten des täglichen Lebens ohne Augenlicht besser zu bewältigen."
Wie für alle Blinden bedeutet die Kürzung des Blindengeldes deshalb eine Einschränkung der Lebensqualität: "In Wittenau schließen an fast allen Ecken die Läden, und somit werden die Wege zum Friseur und zum Lebensmittelgeschäft weiter und für uns unerreichbar", sagt die 62-jährige Rentnerin, "es sind außerdem zu wenig Ampeln mit Blindensignal ausgestattet. Somit brauchen wir Hilfe, sonst müssen wir zu Hause bleiben."
Das Berliner Abgeordnetenhaus wird nach der Sommerpause über den Doppelhaushalt 2004/2005 beraten. In diesem Zusammenhang liegt der Vorschlag des Senats auf dem Tisch, das Berliner Gesetz über Pflegeleistungen zu ändern. Ein Resultat wäre die Kürzung des Pflegegeldes für Blinde um 20 und für Sehbehinderte um 50 Prozent.
Unterschriftenlisten können beim ABSV unter der Rufnummer 895 880 oder per E-Mail unter info@absv.de angefordert werden.
Weitere Informationen gibt es im Internet (www.absv.de).

Bildunterschrift: Ingrid und Herbert Steinig kommen als Blinde in Reinickendorf ganz gut zurecht. Dennoch sind sie auf Blindengeld angewiesen. Foto: Flechtner


Der Kommentar - von Christiane Flechtner

Ein Recht auf Gleichheit

Wie ist es, wenn unser wichtigster Sinn - der Sehsinn - nicht mehr funktioniert? Ist es uns dann noch möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Oder bedeutet es, von der Welt abgeschnitten und ausgeschlossen zu sein?
Es gibt heute viele Möglichkeiten für blinde und sehbehinderte Menschen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Zoologischen Garten gibt es beispielsweise von Zeit zu Zeit eine Blindenführung, bei der die Besucher die Möglichkeit haben, Tiere auch einmal anzufassen. Auch in vielen Museen sind solche Führungen bereits üblich, bei denen Blinde die Kunstwerke ertasten können. Es gibt Blindenbücher in spezieller Punktschrift sowie speziell mit Geräuschanlagen ausgestattete Kegelbahnen. Es wird sogar Autofahren für Blinde angeboten. Und es gibt entsprechend ausgestattete Blindenhotels, in denen Blinde auch ohne Assistenz Urlaub machen können. Doch das alles kostet viel Geld. Kürzt man den Blinden das Pflegegeld für Blinde nun um 20 Prozent, den Sehbehinderten sogar um 50 Prozent, bedeutet das tatsächlich weniger Lebensqualität. Das Blindengeld dient laut Berliner Gesetz über Pflegeleistungen als "Ausgleich behinderungsbedingter Mehraufwendungen". Mit dem Blindengeld wird versucht - soweit das überhaupt möglich ist - einen so unglaublichen Nachteil wie den Verlust des Augenlichts auszugleichen und damit etwas mehr Chancengleichheit gegenüber den sehenden Mitmenschen herzustellen. Durch eine Kürzung dieses Geldes würde man die schon jetzt Benachteiligten ins gesellschaftliche "Aus" katapultieren.



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