6 Punkte Louis Braille (1809 - 1852) der Erfinder der Blindenschrift Schrift und Emanzipation Die Blindenschrift heute
Sechs
Punkte, die in zwei senkrechten Reihen zu je 3 Punkten nebeneinander
angeordnet und so optimal ertastbar sind, bilden die Grundform. Man stelle
sich einen Eierkarton mit 6 Eiern vor. Die Eier (oder Punkte) können
wir nun nummerieren. Links oben ist Punkt 1, darunter Punkt 2, darunter
Punkt 3. Rechts oben ist Punkt 4, darunter 5 und unten rechts ist Punkt
6. Die Buchstaben der Blindenschrift bestehen nun aus Kombination dieser
Punkte: Steht Punkt 1 alleine, haben wir ein „a“, Punkt 1
+ 2 ergeben ein „b“, Punkt 1 + 4 ein „c“ ...
Eine 6-Punkte-Zelle, wie wir sie in der Blindenschrift haben, ermöglicht 63 Punktekombinationen. Wir müssen also sparsam mit unseren Punkten umgehen. Das erreichen wir unter anderem dadurch, dass wir darauf verzichten, eigene Zeichen für Großbuchstaben zu definieren. Wir praktizieren also in der Blindenschrift die absolute Kleinschreibung und haben keine Probleme damit. Natürlich können wir die Großschreibung darstellen: Wir verwenden Hilfszeichen, die z. B. besagen, dass der nächste Buchstabe im Originaltext groß geschrieben wurde. Ähnlich verhält es sich mit Zahlen. Für die Zahlen 1 - 0 verwenden wir die Buchstaben „a“ bis „j“. Vor die erste Ziffer setzen wir das so genannte „Zahlenzeichen“, das uns anzeigt, dass jetzt nicht eine Buchstaben- sondern eine Zahlenfolge kommt.
Es gibt auch ein Schreibgerät, mit dem man schreiben kann, indem
man die Buchstaben Punkt für Punkt in ein Papier sticht. Man braucht
dazu eine Art Schablone, die wir als Tafel bezeichnen.
Tafeln
gibt es in allen Größen, von DIN A4 bis hin zur einzeiligen
Tafel, die man zur Beschriftung von Prägeband nutzen kann. Der
Vorteil der Tafel gegenüber einem elektronischen Notizgerät
besteht darin, dass man Geschriebenes auch ohne das Hilfsmittel lesen
kann, mit dem es notiert wurde. Die Tafel ist sozusagen der Kugelschreiber
der Blinden.
Bei der Punktschriftmaschine ist jedem Punkt eine Taste zugeordnet. Beim Schreiben eines Buchstabens drückt man einfach die Tasten gleichzeitig, die man zur Erzeugung dieses Zeichens braucht. Mit der Punktschriftmaschine kann man deshalb schneller schreiben als mit der Tafel.
Louis Braille (1809 - 1852) der Erfinder der Blindenschrift
Louis
Braille wurde am 04. Januar 1809 in Coupvray bei Paris geboren. Als
er drei Jahre alt war, hatte er in seines Vaters Sattlerei mit Werkzeugen
gespielt und sich dabei ein Auge schwer verletzt. Die Entzündung
erfasste auch das andere Auge und führte bald zur Erblindung des
Jungen.
Louis Vater schickte seinen sehr aufgeweckten und intelligenten Sohn in Alter von 10 Jahren auf die von Valentin Haüy 1784 in Paris gegründete erste Blindenanstalt der Welt. Zunächst fiel Louis auf durch seine besonderen handwerklichen, musischen und geistigen Fähigkeiten. Schon bald wurde er als Hilfslehrer im Blindeninstitut eingestellt.
Doch nebenbei arbeitete er zielstrebig und ausdauernd an der Entwicklung einer brauchbaren Punktschrift für Blinde. Er kam mit einem Schriftsystem in Berührung, an dessen Entwicklung der französische Artilleriehauptmann Charles Barbier seit 1815 arbeitete. Es bestand aus 11 Punkten und sollte für Soldaten die Nachrichtenübermittlung auch im Dunkeln ermöglichen. Louis erkannte, dass man mit dieser Schrift Sinnvolleres tun könnte, dass es dafür aber notwendig wäre, sie zu vereinfachen und zu verbessern.
1825 hatte Louis Braille schließlich das für Blinde geeignete System der sechs erhabenen Punkte gefunden, das 63 Punktkombinationen zulässt.
Die Zeichen waren leicht erlernbar, ließen sich rasch und sicher lesen und mit Schreibtafel und Griffel mühelos schreiben. Trotzdem blieb die offizielle Anerkennung seiner Schrift jahrzehntelang aus.
Aber die Freunde Louis Brailles und seine Schüler verwendeten die sechs Punkte weiter und bewiesen ihren praktischen Nutzen durch höhere Leistungen im Unterricht. Dennoch wurde das 6-Punkte-Alphabet von der Pädagogischen Akademie Frankreich erst im Jahre 1850 offiziell anerkannt und in Paris eingeführt. Durch Beschluss des 1. Blindenlehrerkongresses in Wien 1873 wurde die Braille-Schrift auch im deutschsprachigen Raum verbindlich.
Den weltweiten Siegeszug seiner Schrift erlebte Braille nicht mehr. Er starb an einem Lungenleiden am 6. Januar 1852 in Paris. Seine Gebeine wurden am 21. Juni 1952 im Pariser Panteon beigesetzt - eine besondere Anerkennung seiner Verdienste.
Schrift und Emanzipation
Die
Entwicklung der Braille-Schrift, mit deren Hilfe blinde Menschen erstmals
die Möglichkeit hatten, sich auch schriftlich auszudrücken,
war die größte Revolution in der Entwicklung des Blindenwesens.
Gab es früher nur vereinzelte blinde Menschen, die ein durchschnittliches
oder höheres Bildungsniveau erreichten, so wurde dies plötzlich
allen möglich. Wer aber eine umfassende Bildung hat und seine Interessen
selbst ausdrücken kann, der sieht nicht mehr ein, warum immer andere
über sein eigenes Geschick das Sagen haben sollen. Die Geburtsstunde
der Blindenselbsthilfebewegung hatte geschlagen. 1874, als die Braille-Schrift
noch nicht ganz 50 Jahre alt war, wurde in Berlin der erste Blindenverein
gegründet, und in vielen anderen deutschen Ländern folgte
man diesem Beispiel. Auch außerhalb des eigentlichen Blindenwesens
wurde der Nutzen dieser Schrift erkannt. So entstanden in allen Ländern
Braille-Schriftdruckereien und -bibliotheken. Da nicht jeder eine solche
Bücherei in seiner Nähe hat, können die Bücher per
Fernleihe ausgeborgt werden. Voraussetzung dafür, dass dieses System
funktioniert ist eine Regelung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Kraft
trat und inzwischen weltweit gilt: Braille-Schrift braucht mehr Platz
als reguläre Druckschrift. Punktschriftbücher haben häufig
das Format 27 x 34 cm und, was ihre Dicke anbetrifft, wäre ein
Telefonbuch eher ein dünneres Werk. Die Portokosten, die unsere
Verlage und Büchereien, aber auch wir selbst, bezahlen müssten,
wären also enorm. Punktschriftsendungen dürfen deshalb bis
zu einem Gewicht von 7 kg portofrei verschickt werden. Politiker, für
die das Prinzip „sparen“ über das Prinzip „Vernunft“
geht, haben bereits mit dem Gedanken gespielt, diese Regelung abzuschaffen.
Die Folgen kann sich jeder denkende Mensch selbst ausmalen. Einen solchen
Rückschritt darf es nie geben.
Die Blindenschrift heute
Am
Computer braucht man nicht auf Blindenschrift zu verzichten: Es gibt
Brailledisplays (auch als Braillezeile bezeichnet), bei denen Stifte
entsprechend den Buchstaben der Blindenschrift hochgedrückt werden.
Der Bildschirm kann dadurch zeilenweise ausgelesen werden. Solche Geräte
sind leider noch sehr teuer.
Auch im Multimedia-Zeitalter ist die Punktschrift für blinde Menschen das wichtigste Medium für Information und Bildung, für berufliche Qualifikation und für eine selbständige Lebensführung. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband setzt sich im Interesse der rund 155.000 blinden Menschen in Deutschland insbesondere dafür ein,
- dass jeder Erblindete die erforderlichen Hilfen erhält, damit er die Punktschrift erlernen kann, und hierfür qualifizierte Punktschriftlehrer ausgebildet werden,
- dass im öffentlichen Bereich Punktschriftsymbole oder -beschriftungen integrationsfördernd eingesetzt werden (z. B. in Personenaufzügen, bei der Markierung von Automatentastaturen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und Informationsleitsystemen, bei Verpackungen von Arzneimitteln),
- dass die technischen Voraussetzungen optimiert werden, um Informationen, die über den Computer zugänglich sind, auf der Braille-Zeile (einem Display zur Ausgabe der Schriftzeichen des Bildschirms) in Punktschrift wiedergegeben werden,
- dass bei der Ausbildung von Blindenpädagogen die notwendigen Punktschriftkenntnisse vermittelt werden,
- dass Braille-Schriftbücher und Unterrichtsmaterialien einen hohen Qualitätsstandard aufweisen,
- dass noch mehr Verlage kostenlos Lizenzen zur Umsetzung ihrer Bücher in blindengerechte Medien erteilen,
- dass im Rahmen der Entwicklungshilfe
Punktschriftmaschinen, Schablonen zum Schreiben der Braille-Schrift
und Papier für Schulen in Ländern der Dritten Welt und Osteuropa
bereitgestellt werden können.
Quelle: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband
(gekürzt und redigiert)
Bildnachweis: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband
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