"Wohin, bitte, fährt dieser Bus?"

profil_01 / Januar 2008

Als Blinder oder Sehbehinderter mit der BVG unterwegs

_"Entschuldigung, was ist das für ein Bus?" "Ein großer Gelber" oder "Steht doch draußen dran". Eine höfliche Frage, zwei weniger höfliche Antworten. Diesen Dialog hat Michael Hermann so oder ähnlich nicht nur einmal erlebt, und zwar sowohl mit anderen Fahrgästen als auch mit Busfahrern. Vor zehn Jahren ist der 48-Jährige erblindet. Trotz seiner Behinderung ist es ihm wichtig, sich selbstständig durch Berlin zu bewegen. Mit Hilfe seines Blindenführhundes gelingt ihm dies im U- und S-Bahnnetz recht gut. Problematischer wird es beim Bus. Profil_01 fragte Michael Hermann nach seinen Erfahrungen.

profil_Warum fällt es sehbehinderten Fahrgästen so schwer, den Bus zu nehmen?

M. Hermann_Das beginnt damit, dass Sehschwache oder Blinde große Mühe haben, die Haltestellen zu finden. Anders als Ampeln verfugen die in Berlin leider nicht über das bekannte "Tok-Tok", den so genannten Auffindeton. Kommt dann ein Bus; weiß ich nicht, um welche Linie es sich handelt oder ob der Bus bis zur regulären Endhaltestelle fährt oder nur verkürzt. Und dann gibt es ja auch noch die Linien, die sich verzweigen. Da hilft eigentlich nur eines - jemanden fragen.

profil_Wäre es nicht einfacher für Sie, wenn Sie die gelbe Armbinde oder einen gelben Button mit den drei schwarzen Punkten tragen?

M. Hermann_Das ist so eine Sache. Anfangs habe ich die Binde getragen, und viele Leute reagierten darauf auch sehr hilfsbereit, manche leider auch zu hilfsbereit. Und einige Zeitgenossen meinen, mit Grimassen oder fuchtelnden Handbewegungen erst testen zu müssen, ob man wirklich blind ist. Das ist schon sehr verletzend. Und dann bleibt das beklemmende Gefühl, dass ich mit der offensiven Kennzeichnung "ich kann nichts sehen" auch Leute auf mich aufmerksam mache, die mich als leichtes Opfer identifizieren. Inzwischen habe ich gelernt, ganz konkret zu fragen: Ich bin blind, können Sie mir helfen ...

profil_Wenn Sie dann im richtigen Bus sitzen, sind dann alle Schwierigkeiten bewältigt?

M. Hermann_Sitzen ist schon mal ein gutes Stichwort. Da kann ich nur auf das Verständnis oder die Rücksichtnahme anderer Fahrgäste hoffen, denn im Bus fällt es mir schwer, das Gleichgewicht zu halten. Deshalb fühle ich mich einfach am sichersten, wenn ich sitzen kann.
Eine große Hilfe sind die Innenansagen der nächsten Haltestelle. Funktionieren sie aus irgendeinem Grund nicht, ist das für Sehbehinderte ein echtes Problem. Das gilt übrigens auch für Straßenbahn und U-Bahn. Beim Bus kommt noch der Stress beim Aussteigen hinzu-: Hält der Bus direkt an der Bordsteinkante? Ist der Gehweg frei an der Stelle, an der ich aussteige, oder laufe ich, wenn ich Pech habe, gegen einen Mast, einen Baum oder andere Hindernisse?

profil_Wenn Sie wie im Märchen drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich im Hinblick auf die BVG wünschen?

M. Hermann_Zunächst einmal: Ich finde das Angebot von BVG und S-Bahn grundsätzlich sehr, sehr gut. Für Blinde und Sehbehinderte wäre es aber eine sehr große Hilfe, wenn Busse und Straßenbahnen ähnlich wie auf U-Bahnhöfen Außenansagen hätten. Die selbständige Identifizierung des jeweiligen Fahrzeugs, das wäre schon toll, vielleicht - ganz märchenhaft -über mein Handy. Wunsch Nummer zwei: Auffinde-Signale an Bus- und Tram-Haltestellen sowie an den Notruf- und Informationssäulen auf den U-Bahnhöfen.

profil_Und Wunsch Nummer drei?

M. Hermann_Ich wünschte, ich hätte mich schriftlich bei der BVG bedankt, als mir vor einigen Wochen ein Busfahrer meine Fragen sehr freundlich beantwortet hat und mir sogar nach meinem Ausstieg noch kurz hinterher lief, als er merkte, dass ich in die falsche Richtung laufe, weil er sich vertan hatte. Solche Begegnungen tun gut und machen Mut.

Gespräch_Christine Albrecht


Gefragt - Geantwortet

Außenansage an Bussen und Straßenbahnen?

_Die Identifizierung heranfahrender Fahrzeuge ist für Blinde und Sehbehinderte ein großes Problem, vor allem an Mehrfach-Haltestellen. Außenansagen an den Fahrzeugen könnten hier helfen, aber: Der Lärmpegel in Berlin ist bereits sehr hoch. Allein im Berliner Hauptstraßennetz sind tagsüber 220.000 und nachts sogar über 300.000 Menschen Lärmpegeln ausgesetzt, die als gesundheitsgefährdend gelten. Beschwerden von Anwohnern über zu laut empfundene Busse und Bahnen sind sehr häufig. Auch deshalb verzichtet die BVG auf Außenansagen.
Um unseren blinden und sehbehinderten Fahrgästen entgegen zu kommen, testet die BVG in den vier Vorserienfahrzeugen der künftigen Tram-Generation eine neue Innenansage der Linie und Zielhaltestelle. Diese Ansage erfolgt jeweils nach Freigabe der Türen an den Haltestellen und ist auch von außen gut hörbar.
_Christine Albrecht, BVG-Beauftragte für Fahrgäste mit Behinderungen

Was tut die BVG für 6.000 Blinde und 20.000 Sehbehinderte in Berlin

­ akustische Ankündigung der U-Bahnzüge mit Linie und Zielbahnhof auf den Bahnsteigen, Haltestellenansage in den Fahrzeugen,
­ akustische Warnung vor schließenden Türen in U- und Straßenbahnen,
­ einheitliches Haltestangenkonzept in BVG-Fahrzeugen mit durchlaufenden horizontalen Stangen
­ Blindenleitstreifen auf den Bahnhöfen
­ Aufzüge mit Sprachausgabe
­ Sitzplätze für Fahrgäste mit Behinderungen in Türnähe

Bildunterschriften:

Blinde und Sehbehinderte sind darauf angewiesen, dass andere Fahrgäste oder die Fahrer ihnen Liniennummer und Ziel nennen (Foto oben)

Blindenführhunde sind von der Maulkorbpflicht ausgenommen (Foto unten).

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