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Tränenbleche, Leitstreifen, Bügelbretter |
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plus_01 / Januar 2008
Barrierefrei durch Berlin kommen - nach und nach wird dieser Wunsch Wirklichkeit _Obwohl es an diesem Tag Hunde und Katzen regnet in Berlin, macht sich Renate Lange auf den Weg. Die 70-Jährige wohnt in Staaken und möchte heute einen schönen, warmen und wetterfesten Wintermantel kaufen. Am Ku'damm. Renate Lange fährt einen E-Rolli. Mit dem BVG-Netz-Plan plant sie, wie sie am besten fährt. Zwei Busse und eine U-Bahn werden sie ans Ziel bringen. Weil es immer mal passieren kann, dass ein Aufzug, der gestern noch funktionierte, heute gestört ist (leider allzu oft durch Vandalismus), erkundigt sich Renate Lange vor Fahrtantritt per Telefon, ob die Aufzüge in Betrieb sind. So ist sie auf der sicheren Seite. Der M 32 hält an der Haltestelle Harburger Weg in Staaken und Renate Lange signalisiert dem Busfahrer ihren Mitfahrwunsch. In den neuen Doppeldeckern ist inzwischen sogar für zwei Rollstühle Platz, auch Rollstuhl und Kinderwagen passen nebeneinander. Der Fahrer steigt aus und klappt die Rampe an der Mitteltür aus. Im Bus stellt sich Renate Lange mit ihrem Rollstuhl entgegengesetzt zur Fahrtrichtung. So findet man Halt an den Rückenlehnen, die manche Berliner auch "Bügelbretter" nennen, falls der Bus einmal scharf bremsen muss. Klappbare Bügel in den neuen Bussen verhindern, dass sie mit dem Rolli seitlich kippen kann. Renate Lange sieht durch das beschlagene Busfenster. Der Bus ist voll und am Rathaus Spandau gilt es, in den nächsten umzusteigen. Der M 45 wird Renate Lange zum Bahnhof Zoo bringen. Bei dem fährt ein elektrischer Hublift aus, sodass der Fahrer nicht aussteigen muss. Barrierefreie Busse sind für alle Fahrgäste ein Komfort. Schon allein dadurch, dass sie sich an der Haltestelle den Einsteigenden entgegenneigen. Kneeling nennt man das - ein Kniefall vor den Kunden also. Der M 45 ist noch voller. Rund 30 Kinder steigen ein, zwei Mütter mit Kinderwagen wollen mit, eine von ihnen muss auf den nächsten Bus warten. Um diese Zeit quält sich der Bus durch den Stadtverkehr. Am Bahnhof Zoo fährt die durch eine Kinderlähmung gehbehinderte Frau mit dem Fahrstuhl auf den Bahnsteig der U2. Eine Station bis Wittenbergplatz, von da ist es näher zum Kaufhaus ihrer Wahl. Früher, sagt die Berlinerin, hätte sie diesen Weg nicht allein bewältigen können, sie wäre immer auf fremde Hilfe angewiesen gewesen. Nun aber kommt sie selbstständig durch die Stadt. Für sie ist das wichtig, weil ihre Behinderung von Jahr zu Jahr größer wird. Wenn sie auf ihrer Fahrt mit der U-Bahn etwas nicht weiß oder doch einmal auf dem falschen Bahnsteig gelandet ist, nutzt Renate Lange die Notruf- und Informationssäulen auf den Bahnsteigen der BVG oder S-Bahn. So kann sie Kontakt mit den Service-Mitarbeitern der Leitstelle aufnehmen. Und die wissen immer Rat. Das kommt Renate Lange zugute und nützt auch allen anderen Fahrgästen der BVG. Seit der Senat von Berlin 1992 beschloss, dass die Stadt barrierefrei wird, hat sich viel getan. Inzwischen kommt man trotz Behinderung fast überallhin. Manchmal sind Umwege nötig, denn noch nicht alle U-Bahnhöfe verfügen über Aufzüge. Und mittlerweile sind fast alle Straßenbahnhaltestellen barrierefrei zu erreichen, aber noch kann nicht jede Linie durchgängig mit barrierefreien Fahrzeugen befahren werden. Aber das große Ziel lautet: Hundert Prozent. Dr. Klaus Behling ist seit seinem 15. Lebensjahr blind. Der 68-Jährige kennt Berlin und die öffentlichen Verkehrsmittel wie die eigene Westentasche. Als engagierter Mitstreiter im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband scheute er keine Mühen, mit den Verantwortlichen über ein barrierefreies Berlin zu streiten. Viel sei erreicht worden, aber es müsse auch noch viel getan werden, sagt er und demonstriert das an einer Tour de force durch die Stadt. "Jedes Verkehrsnetz ist so gut wie seine Schnittstellen", erklärt Dr. Behling, der im Norden Pankows wohnt. Er erklärt auch, dass Blinde und sehbehinderte Menschen sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die einen lesen Blindenschrift, die anderen können mit farblich abgesetzten Signalen und Informationen in großer Schrift etwas anfangen. Verlässliche und deutliche Ansagen nützen allen. Die BVG bemüht sich, beiden Gruppen gerecht zu werden. Über die Blindenleitstreifen auf den Bahnsteigen, in den Bahnhöfen und an den Halteinseln der Straßenbahnen kann Dr. Behling viel Gutes sagen. Sie sind auch für alle anderen Fahrgäste ein Hinweis, notwendigen Sicherheitsabstand zu halten. Für Blinde sind Braille-Beschriftungen an den Innenseiten der Handläufe eine große Erleichterung. Sie lesen am Ende oder Anfang einer Treppe mit dem Finger, wo sie sich befinden, wohin diese Treppe sie führt, in welche Richtung es jetzt zu welcher Bahn geht. Ebenso wichtig sind die so genannten Aufmerksamkeitsfelder, die den Blindenleitstreifen immer dort verbreitern, wo es rechts oder links oder schräg zu einem Fahrstuhl, Ausgang oder zu einer Treppe geht. Die Felder, aus Metall und mit erhabenen Punkten versehen, werden deshalb auch Tränenbleche genannt. Klaus Behling sagt: "Auf
einem Bahnhof wie Gesundbrunnen, wo U-Bahnen und S-Bahnen von verschiedenen
Bahnsteigen fahren, ist ein funktionierendes Blindenleitsystem enorm
wichtig für einen wie mich. Wenn ich mal jemandem ausweichen muss
und die Richtung verliere, kann so ein beschrifteter Handlauf die Rettung
sein." Manchmal passiert es trotzdem, dass er jemanden fragen muss,
dann ist es mehr als ärgerlich, wenn die Antwort lautet: "Steht
doch auf den Schildern." Ein Blick genügte, um zu wissen,
dass die Schilder Wer es als blinder Mensch schafft, sich auf und unter dem Alexanderplatz zurechtzufinden, verdient Bewunderung. Hier ist viel für Menschen mit Behinderungen getan worden, aber der große Umsteigeplatz bleibt eine Herausforderung. Die Halteinseln für die Straßenbahn sind ein großer Fortschritt, ebenso die neuen Fahrstühle zu den U-Bahnen. Manchmal wundern sich Menschen in den U-Bahnen, dass zu den Ansagen, welche Haltestelle kommt, auch gesagt wird, auf welcher Seite man aussteigen muss. Sieht man doch, denken die Leute. Aber Klaus Behling sieht es nicht. Und ein Fremder weiß es nicht. Es kann vorkommen, dass ein U-Bahn-Fahrer vergisst, die Innenansage zu aktivieren. Dann gibt es keine Ansage und Blinde oder Sehbehinderte haben Orientierungsschwierigkeiten. Wenn Klaus Behling träumen darf und sich etwas wünschen kann, dann hat er eine lange Liste im Kopf. Nicht nur elektronische Anzeigen der Bus- und Tramlinien und ihrer Ankunftszeiten, sondern auch Ansagen wären schön. Alle Bahnhöfe mit Blindenleitstreifen ausgestattet, jeder Handlauf beschriftet, mehr Tränenbleche, überall Fahrstühle, alle Haltestellen barrierefrei, freundliche und aufmerksame Mitreisende. Klaus Behling weiß, dass dies auch der Wunsch bei der BVG ist. Doch nicht alle Pläne können gleich realisiert werden. Aber gearbeitet wird daran. Renate Lange hat einen schönen warmen Mantel gefunden und ist gut wieder nach Hause gekommen. Klaus Behling macht nach der lehrreichen Tour für plus_01 durch Berlin eine kurze Mittagspause und ist am Nachmittag schon wieder unterwegs. Vor nicht allzu vielen Jahren wäre das so nicht denkbar und möglich gewesen. Kathrin Gerlof Wussten Sie schon Die BVG bietet regelmäßig
kostenlose Mobilitätstrainings für Fahrgäste mit Behinderung
an. Termine werden im "BVG_plus" und unter www.BVG.de rechtzeitig
bekannt gegeben. "Barrierefreie" Informationen sind auch in den BVG-Infoprodukten "Berlin Atlas und mehr", Berlin Liniennetz und im kostenlosen S + U-Bahn-Netz enthalten. Aktuelle Mobilitätsinformationen über: www.BVG.de, BVG Call Center Tel: 19 44 9 Ansagedienst zur Verfügbarkeit der Aufzüge: Tel: 256 22 096 Bildunterschriften: Im Netzplan findet Renate Lange Mobilitätsinformationen. Renate Lange ist oft mit Bus und Bahn unterwegs. Für Blinde sind Braille-Beschriftungen im Aufzug eine große Erleichterung. "Tränenbleche"
weisen Klaus Behling den Weg zu Treppe, Aufzug, Ausgang. |
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