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MieterMagazin 6/10
Wohnen mit Sehbehinderung
Ordnung ist die halbe Miete
von Elke Koepping
Rund 20000 Sehbehinderte
und 6000 Blinde leben in Berlin. Wie kommen sie mit dieser Einschränkung
in Haus und Wohnung zurecht? Welche Möglichkeiten und Hilfsmittel
gibt es, die die Orientierung im heimischen Alltag erleichtern?
"Ich hab mich abends ins Bett gelegt und als ich morgens aufgestanden
bin, konnte ich nichts mehr sehen", so Frau Lückermann*. Sie
ist 86 und leidet unter der weitverbreiteten, altersbedingt auftretenden
Makula-Degeneration, die zwar zunächst langsam voranschreitet,
von vielen Betroffenen jedoch am Ende als plötzlicher Sehverlust
empfunden wird. Auf dem einen Auge ist sie ganz erblindet, das andere
kann noch Hell-Dunkel-Kontraste erkennen. Sie und ihr Mann haben früher
in Hohenschönhausen in einer Mietwohnung gelebt.
"Solange mein Mann mithelfen konnte, ging es, aber nachdem er einen
Herzinfarkt hatte, war es vorbei mit dem selbstständigen Leben",
erzählt sie. Sie entschieden sich 2009 für den Umzug in die
Blindenwohnstätte Weißensee, die eine breite Palette von
Pflegeangeboten für hochbetagte Blinde und Sehbehinderte bereithält.
Wenn das Wetter es erlaubt, sitzt das Ehepaar Lückermann draußen
auf der Terrasse. Der Verkehrslärm von der Berliner Allee stört
sie nicht, im Gegenteil. Hartmut Weber, der Leiter der Blindenwohnstätte,
erzählt, dass viele Bewohner gerade die Lage ihres Zimmers zur
Straße hin besonders schätzen: "Da kommt ein bisschen
Leben herein."
Ein fester Platz für
alle Dinge
Die überwiegende
Mehrzahl vor allem jüngerer Blinder und Sehbehinderter kommt im
Alltag gut zurecht. "In den heimischen vier Wänden spielt
natürlich die Gewohnheit eine große Rolle: Wenn alle Dinge
ihren Platz haben, kann sich jeder gut orientieren", erklärt
Peter Woltersdorf. Er ist Architekt und Sachverständiger für
barrierefreie Stadt- und Gebäudeplanung beim "Allgemeinen
Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin" (ABSV). Er berät
bei Bauvorhaben im öffentlichen Bereich, hilft aber auch bei Fragen
rund um die Wohnungseinrichtung. "Man muss im Grunde erst einmal
lernen, die Kleinigkeiten des Alltags zu bewältigen, bevor man
sich damit beschäftigt, die Einrichtung zu verbessern", sagt
er. Alltagshürden liegen im Grunde schon darin, sich eine Tasse
Kaffee einzuschenken oder beim Waschen die
Weiß- von der Buntwäsche zu unterscheiden. Der ABSV bietet
entsprechende Mobilitätsschulungen, die Blinden und Sehbehinderten
helfen, sich im Haushalt zurechtzufinden.
"Blinde behelfen sich mit kleinen Tricks: Sie markieren ihre CD-Sammlung
oder Gewürzdosen in der Küche mit Braille-Schrift", erzählt
Paloma Rändel, die die Öffentlichkeitsarbeit des ABSV betreut.
Spezielle Klebenoppen helfen, die Stellung der Ein- und Austaster von
Küchengeräten zu markieren, die Hitzezufuhr am Herd, Gradzahlen
an der Heizung oder auch Waschgänge an der Waschmaschine. Es gibt
sprechende Uhren und Küchenwaagen sowie Farbmessgeräte für
die Kleidung, um die Zusammenstellung der Garderobe zu prüfen.
Christine Krause ist Sozialarbeiterin beim ABSV und berät Menschen,
bei denen sich eine Sehbehinderung stark verschlechtert hat oder neu
eingetreten ist. Sie selbst hat auf dem rechten Auge noch ein Sehvermögen
von unter 2 Prozent, links sieht sie nichts mehr. Krause sagt, die größte
Tücke sei für sie die Ordnung innerhalb der Wohnung gewesen:
"Als sehender Mensch hat man ein anderes Ordnungssystem, da musste
ich mich völlig umstellen - Dinge haben jetzt ihren festen Platz
in meiner Wohnung." Dazu zählt zum Beispiel die Anordnung
der Möbel im Raum: Eine streng symmetrische Ausrichtung mit viel
Platz zwischen den einzelnen Stücken erlaubt eine gute Orientierung.
Beim Neukauf achte sie auf abgerundete Ecken, um blaue Flecken zu vermeiden.
Gefahrenquellen stellen
auch in den Raum ragende Heizungsventile dar oder Schranktüren
in der Küche. "Für Küchenoberschränke gibt
es Klapptüren, die nach oben aufgehen oder Rolltüren",
erklärt Peter Woltersdorf und weist auch darauf hin, dass Ceran-Kochfelder
in einem Sehbehindertenhaushalt nichts zu suchen haben: "Man kann
einfach nicht unterscheiden, wo die heiße Fläche beginnt".
Eine leicht herzustellende bauliche Veränderung ist das Anbringen
von Lichtschaltern, deren Stellung gut erfühlbar ist und die sich
kontrastreich von der Wand abheben. "Kontraste und Beleuchtung
sind ohnehin ein wichtiges Thema für Sehbehinderte, soweit noch
ein kleines Restsehvermögen vorhanden ist", sagt er. Wichtig
ist eine blendfreie Beleuchtung. Gut geeignet sind Wandleuchten, die
indirektes Licht nach oben abgeben. "Die Decke muss hell sein,
damit das Licht nach unten reflektiert wird." Lichtinseln können
auch Orientierungspunkte innerhalb der Wohnung bilden, zum Beispiel
im Bereich des Esstisches. Ausgeprägte architektonische Raffinessen
wie Säulen oder frei stehende Holzbalkenkonstruktionen sollten
verkleidet oder kontrastreich markiert werden. Für Blinde kann
eine Veränderung der Bodenstruktur im Bereich der Säule, etwa
durch PVC-Noppenbelag, die Gefahrenquelle taktil anzeigen. Gleiches
gilt im Übrigen für den Treppenhausbereich.
Im Einzelfall kann man versuchen, dem Vermieter kleine bauliche Veränderungen
schmackhaft zu machen: die Nachrüstung des Aufzuges mit Sprachelementen,
die Anbringung von zusätzlichen Handläufen im Wandbereich
der Treppen oder die Markierung von Treppenstufen. Oft sind es auch
leicht auszuführende Kleinigkeiten, die eine große Hilfe
bedeuten: die Ausstattung des Hauses mit tastbaren Etagenkennzeichnungen,
das Anbringen sehbehindertengerechter Notausgangsschilder oder von Informationen
der Hausverwaltung in gut lesbarer Schriftgröße. Leben viele
ältere Menschen in einer Wohnanlage, hat der Vermieter eventuell
ein eigenes Interesse an solchen Nachrüstungen, um seine Mieter
zu halten oder mit einem barrierefreien Umfeld werben zu können.
Ein Umzug in eine Pflegeeinrichtung ist nämlich für die meisten
Betroffenen immer erst das letzte Mittel der Wahl.
* Name von der Redaktion
geändert
Rat & Tat
Der Allgemeine Blinden-
und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) bietet Erstberatungen für
Betroffene und Angehörige auch ohne Vereinsmitgliedschaft an, betreibt
einen Hilfsmittel-Laden, führt Mobilitäts- und Orientierungsschulungen
und Schulungen in Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF) durch, hilft
bei der Antragstellung des Landesblindengeldes bei den Bezirksämtern,
bei Anträgen für den Schwerbehindertenausweis, Pflegeversicherung,
Wohngeld und Kostenübernahme für Hilfsmittel.
ABSV, Auerbacher Straße 7, 14193 Berlin
Tel. 895 88-0, www.absv.de
Kirchliche Einrichtungen
Evangelischer Blindendienst
Beratungsstelle für Blinde und Sehbehinderte, Holwedestraße
11, 13507 Berlin www.blindendienst.de
Katholischer Blindenverein
für die Erzdiözese Berlin, Misdroyer Straße 21, 14199
Berlin www.blindenwerk.de
Wohnen und Pflege im Alter
Möglichkeit zum "Probewohnen" in den Blindenwohnstätten
des ABSV in Weißensee und Spandau, nähere Informationen über
den ABSV, Tel. 895 88-0.
www.blindenwohnstaetten.de
Privatstiftung
Blindenwohnstätte
Kniesehaus,
Stindestraße 25, 12167 Berlin-Steglitz,
Tel. 72 01 15-0
www.kniesehaus.de
Umzugsservice
Eine Spezialisierung auf die Bedürfnisse Blinder und Sehbehinderter
beim Umzug bietet die Firma:
SUS Berlin, Kottbusser
Damm 79 A, 10967 Berlin, Tel. 61 20 96 16
www.senioren-umzugs-service.de
Zuschüsse
bei Umbauten/Wohnförderprogramm KfW-Bankengruppe
Charlottenstraße 33/33 a, 10117 Berlin Tel. 20 26 40
www.kfw.de, Suchwort "Altersgerecht Umbauen"
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