Speisen im Dunkeln


woman, 03.12.2002

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Speisen im Dunkeln

Sollten Sie noch etwas ganz Besonderes für Ihre Weihnachtsfeier suchen, könnten Ihnen die Menüs der "Unsicht-Bar" in Berlin so schmecken: Das Lokal ist eines der neuen Dunkel-Restaurants, in dem ausschließlich Blinde und Sehbehinderte arbeiten. Sehende können hier im Stockfinstern ein exquisites Weihnachtsmenü verspeisen (rechts die Speisekarte in Blindenschrift), von dem sie anfangs nicht mehr wissen, als dass Pute oder Reh dabei ist. Reservierungen sind mittlerweile unbedingt erforderlich. Wie es sich anfühlt, im Dunkeln nach Weinglas, Besteck und Essen zu tasten, hat woman-Redakteurin Sabine Franz getestet. Seite 32

Abbildung 1: geprägtes Logo des Restaurants (abfotografiert von der Pressemappe)

Abbildung 2: Speisekarte in Braille

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Blind Date in Berlin

Kann man im Dunkeln essen, ohne sich zu bekleckern? woman machte den Versuch

Der Gang ins Restaurant beginnt mit einer Polonaise. Sandra, Ute und Gerd fassen sich an den Schultern. "Alla, Tisch 10" - den Namen der Kellnerin und ihre Tischnummer müssen sie sich für die nächsten Stunden gut merken. Handys und Uhren mit leuchtenden Zifferblättern haben alle in den Taschen verstaut - so lauten die Spielregeln in der Berliner Unsicht-Bar, denn hier isst man im Dunkeln. Und "dunkel" bedeutet nicht etwa sternklare Nacht, sondern die Hand nicht vor Augen zu sehen. Nicht das Essen. Nicht die holzgetäfelten Wände und die grünen Lederbänke, die das Vorgänger-Restaurant sichtbar zierten. Nichts. Nur Finsternis.
Die Initiatoren der Unsicht-Bar wollen Sehenden jedoch nicht demonstrieren, wie es ist, blind zu sein. Hier geht es um ein Erlebnis der anderen Sinnesart - die Intensivierung des Schmeckens, Fühlens, Riechens und Hörens. Entstanden ist das Berliner Lokal nach Kölner Vorbild. Erfinder Dr. Axel Rudolph betreibt dort seit Anfang 2001 ein gleichnamiges Lokal. Fast jeden Abend ist der Laden ausgebucht, die Gäste reisen sogar aus Stuttgart und Hannover an. Manche treffen sich gleich mehrmals zum Blind Date mit ihren Internet-Flirtpartnern, um sich ganz langsam aneinander heranzutasten. Die Berliner Unsicht-Bar will außerdem viele neue Arbeitsplätze für Blinde schaffen, da die Erwerbsmöglichkeiten für Nichtsehende stetig zurückgehen.
Allein in Berlin gibt es 5000 Blinde und 17000 Sehbehinderte. Alla ist eine von ihnen. Sie arbeitet seit der Eröffnung im September als Kellnerin in dem 150-Plätze-Restaurant und führt an diesem Tag die "Tisch 10"-Polonaise vom hell erleuchteten Vorraum in den finsteren Speisesaal. Alla ist Russin und lebt seit vier Jahren in Deutschland. Ihre Augen versteckt sie hinter einer Sonnenbrille. Die zierliche 33-Jährige wirkt zerbrechlich, doch ihre Bewegungen sind sicher, ruhig und gelassen. Die Welt um sie herum wurde erst 1991 schwarz, als sie in Georgien Urlaub machte und in die Kriegswirren geriet. Eine Gewehrkugel traf sie am Kopf und löschte das Licht aus, nicht aber die Erinnerung, wie die Dinge aussehen. Das weiß sie heute zu schätzen. "Ich fühle mich nicht schwerbehindert", sagt Alla.
Im Dunkelrestaurant verkehren sich für Alla und ihre Gäste die Rollen. Ohne die Blinde sind die Sehenden hilflos. Sie ist der Anker im dunklen Meer. Nur sieben Trainingsrunden brauchte Alla, um sich im Speisesaal zurechtzufinden. Von einer sehbehinderten Kollegin hat sie gelernt, wie die Tische angeordnet sind, den Rest hat sie ertastet. Die wichtigste Regel lautet: Im Restaurant herrscht Rechtsverkehr. Mit der Küche kommuniziert Alla per Handy. Ist das Essen fertig, nimmt sie es aus einer Schleuse entgegen. Welches Gericht auf welchem Teller ist, kann sie mittels eines beigelegten Sprachchips checken, den sie sich ans Ohr hält.
Die Neugier der Gäste ist noch größer als ihr Appetit. Bereits am Empfang mussten sich Sandra, Ute und die anderen entscheiden, ob sie lieber Fleisch, Fisch oder vegetarisch speisen wollen. Was genau sie an kulinarischen Spezialitäten erwartet, bleibt geheim, bis der Teller auf dem Tisch steht - das Schmecken und Riechen soll schließlich herausgefordert werden.
Die Stimmung ist ausgelassen an Tisch 10. Durch den Speisesaal schwirren lauter körperlose Stimmen. Ute rätselt, wie weit die nächsten Tische entfernt sind. Um Distanzen akustisch richtig einzuschätzen, benötigen Menschen, die erst spät erblinden, schon Jahre. Unwohl fühlt sich trotz der ungewohnten Atmosphäre niemand. Wann immer ein Gegenstand lautstark zu Boden fällt, lachen alle. Jeder ist erleichtert, dass es nicht ihm passiert ist. Sandra erzählt von einer Nacht im Dschungel. Dort war es genauso dunkel wie hier. Dazu noch gefährlich, weil man die Taranteln nicht sehen konnte. Die meiste Zeit jedoch dreht sich die Unterhaltung um die Hauptsache: das Essen. Sind das Knödel auf dem Teller? Oder Maultaschen? Schmecken die Zutaten intensiver, weil man sich aufs Essen konzentriert oder weil ihr Eigengeschmack nicht überwürzt wurde? Was ist die praktischste Esstechnik? Eindeutig: mit der Gabel zustechen, bis etwas hängen bleibt. Die Orientierung am Tisch klappt gut. Wer Probleme hat, kann Alla fragen: Sie gibt die Position der Dinge mittels Uhrzeit an. Ute sucht ihr Weinglas. Ganz einfach: Es steht auf ein Uhr. Auch als Sandra nach langem Hinauszögern doch mal auf die (beleuchtete) Toilette muss, führt Alla sie hin und zurück.
Nach zwei Stunden im Dunkeln wird die Runde müde - den Sehenden fehlen die optischen Reize. Allein Gerd, der nur noch 20 Prozent Sehkraft hat, ist fit. Er ist der Einzige am Tisch, der in normaler Lautstärke spricht. Nichtblinde neigen dazu, die Stimme zu erheben, weil sie ihrem Gesprächspartner nicht ansehen können, ob er sie versteht. Alla führt ihre Gäste zurück ins Foyer. "Wie wir wohl aussehen?", fragt Sandra noch im Dunkeln, doch die Kleidung, wird sich zeigen, ist unbefleckt. Ute blinzelt, als sie ins Licht tritt. Alla bemerkt nur am Türrahmen, dass ein neuer Raum jenseits der Finsternis beginnt. Und sagt freundlich auf Wiedersehen.

Sabine Franz

Dunkel-Restaurants auf einen Blick

Unsicht-Bar, Berlin
Gormannstr. 14, Berlin-Mitte
Menüs ab 27 Euro. Plus "Dunkelbühne" mit Hörspielen, Musikabenden etc.
Tel. 030 / 24 34 25 00, www.unsicht-bar.com

Unsicht-Bar, Köln
Im Stavenhof 5-7, 50668 Köln
3- bis 5-Gänge-Menüs ab 27 Euro
Tel. 02 21 / 2 00 59 10, www.unsicht-bar.com

Dialog im Dunkeln, Hamburg
Alter Wandrahm 4, 20457 Hamburg,
nur montags ab 19 Uhr, 4-Gänge-Menü ab 55 Euro, Tel. 07 00 /44 33 20 00, www.dialog-im-dunkeln.de

Überall sind Reservierungen erforderlich.

Abbildung 1: Kellner/-innen der unsicht-Bar Berlin (Gruppenfoto)
Bildunterschrift: Ein starkes Team: die blinden und sehbehinderten Kellner der Unsicht-Bar

Abbildung 2: Teller mit Essen im Halbdunkel
Bildunterschrift: Der Hauptgang - eine Überraschung, die der Gast erschmecken soll

Abbildung 3: Kellnerin Alla im Halbdunkel
Abbildung 4: eingedeckter Platz mit Vorspeisenteller, drumherum die Zahlen 1 bis 12
Bildunterschrift: Im Dunkeln ist sie die Sehende: Kellnerin Alla führt die Gäste ins Restaurant und erklärt ihnen Tisch- und Speisenordnung anhand einer imaginären Uhr
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