Dinner im Dunkeln


Berliner Zeitung, 05.09.02

Auch Berlin hat jetzt ein Restaurant, in dem man die Hand vor Augen nicht sieht

von Uwe Aulich

Gibt es einen Raum, in dem man nichts sieht? Und kann man da darin überhaupt essen? Diese Gedanken habe ich, als meine rechte Hand am Eingang zur Unsicht-Bar auf Rolands Schulter liegt. Die anderen Restaurant-Besucher machen die Geste amüsiert nach, wir stehen in einer Reihe. Roland geht los. Ich folge ihm in die Lichtschleuse. Ein Zickzackkurs, schon nach zwei Biegungen ist es dunkel.

Aber nicht einfach nur dunkel, sondern absolut finster. Meine Augen versuchen, irgend etwas zu erhaschen, sich irgendwo fest zu krallen. Aber da ist nichts. Automatisch presse ich meine Hand fester auf Rolands Schulter. Nur nicht den Anschluss verlieren. Roland kennt sich hier aus. Er ist blind, er lebt mit der Dunkelheit, seit er 20 war. Für die nächsten Stunden ist er mein Begleiter, Kellner und meine Garantie, dass ich hier wieder rauskomme. Den Weg kennt nur er.

In Tippelschritten geht es voran. Es riecht nach frischem Holz. Roland hält an und sagt: "Vor Ihnen steht Ihr Stuhl." Ich fasse auf rundes glattes Holz, die Lehne, zwänge mich vorsichtig an einem anderen Stuhl vorbei und setze mich auf das Lederpolster. Aber nicht gemütlich wie in der Eckkneipe, sondern ich bleibe angespannt und steif sitzen.

Trotzdem fühle ich mich nicht mehr so hilflos, vielmehr neugierig. Was ist auf dem glatten Holztisch? Ich ertaste ein Stoff-Deckchen, dann links die Gabel, rechts liegt ein Messer auf einer Papierserviette. Obwohl ich die Augen noch weiter aufreiße, kann ich nichts erkennen. Dass Blinde immer so leben und sich auf Tasten, Hören, Riechen und Schmecken verlassen müssen, kommt mir erst später wieder in den Sinn. Für mich ist es einfach ein Erlebnis. So haben es sich Jürgen Lubnau und Manfred Scharbach, die Geschäftsführer der unsicht-Bar, die blind sind, auch gewünscht.

Roland serviert das Essen und stellt den Teller zwischen Messer und Gabel. Warmer Dampf steigt auf, es duftet. Gemüse. Ich greife zu Messer und Gabel. Aber wo liegt was auf dem Teller? Ich kann es nur ahnen, schaffe es aber irgendwie, ein Stück auf die Gabel zu schieben. Als ich sie hochnehme, zieht sich etwas auseinander. Käse? Dann ist die Gabel im Mund. Jetzt weiß ich, dass ich mich blöd angestellt habe. Es ist nichts drauf. Weil auch der zweite Versuch schief geht, wechsele ich die Taktik und versuche auf dem Teller etwas aufzupieken. Tatsächlich ist die Gabel schwerer. Ich schiebe das Stück in den Mund. Und kaue vorsichtig. Teig - ein Knödel. Roland bestätigt die Vermutung. Genauso verrät er später auch die anderen Speisen - Gemüse-Gratin, Maultaschen, Kartoffelrollen.
Den Erfolg zu genießen, bleibt keine Zeit: Roland bringt Mineralwasser. Er sagt, das Glas stehe auf ein Uhr, daneben die Flasche. Für die Kellner und die Gäste dient das Ziffernblatt als Orientierungshilfe. Ich greife zum Glas, hebe es zum Mund, doch der bleibt trocken. Wieder reingefallen. Ich stelle das dicke Glas wieder ab, greife zur Flasche und gieße ein. Die Bewegungen im Dunkeln sind langsamer und vorsichtiger. Schließlich gewöhnt man sich an die Dunkelheit. Ich werde lockerer. Ich habe Zeit, mit Roland zu plaudern, ich höre Lachen am Nachbartisch, und von der Decke kommt dezent Musik.

Unsicht-Bar Berlin, Gormannstraße 14 in Mitte, ab Sonnabend täglich ab 18 Uhr (außer montags) geöffnet. Anmeldung erbeten unter 24 34 25 00. Fünf-Gänge-Menüs ab 27 Euro. Ab Oktober öffnet dort auch eine Dunkel-Bühne.



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