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Berliner Zeitung, 09.04.2002,
Neues
Erlebnis-Restaurant: Gäste sitzen in der Finsternis und werden
von blinden Kellnern bedient
von Uwe Aulich
Nicht sehen was man isst, sondern die Speisen riechen, schmecken und
fühlen. In der unsicht-Bar sitzt der Gast im Finstern. Er isst,
er trinkt, er betreibt Konservation im Dunkeln. Kein Lichtstrahl, keine
Kerze, kein noch so schwaches Leuchten wird ihm eine Orientierung ermöglichen.
"Wenn wir von Dunkelheit reden, dann meinen wir absolute Finsternis",
sagt Manfred Scharbach. Er ist Geschäftsführer des Allgemeinen
Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlins. Gemeinsam mit Jürgen
Lubnau vom Blindenhilfswerk Berlin wird Scharbach die "unsicht-Bar
Berlin" betreiben. Ende Mai wollen sie ihr Restaurant eröffnen.
Für beide ist die Bar eine Möglichkeit, Blinden und Sehbehinderten
einen Arbeitsplatz zu bieten. Bis zu 17 werden als Kellner eingestellt.
Wie Scharbach sagt, haben Blinde in dem Restaurant einen Vorteil: Sie
leben bereits mit der Dunkelheit und brauchen sich nicht erst an sie
zu gewöhnen.
Rohe Wände, keine Bilder, kein Zierrat, keine Blumen auf den Tischen.
Nichts. Wozu soll man auch einen Raum schmücken, den doch keiner
sieht. Dafür gibt es keine scharfen Ecken an den Möbeln und
unterschiedliche Fußbodenbeläge. Kein Gast wird aber hilflos
in die Finsternis geschickt, versichert Scharbach. Die Besucher werden
in einem Vorraum empfangen, der gedämpft beleuchtet ist. Bereits
dort wählen die Gäste Menü und Getränke aus. Der
Gast entscheidet sich für ein so genanntes Geschmacksfeld: Lamm,
Fisch, Käse oder Vegetarisch. Im Vorraum lernen die Besucher auch
ihren Kellner kennen, der sie in den kommenden Stunden betreuen wird.
"Der Gast muss dem Kellner vertrauen, denn er wird sich nicht allein
durch den dunklen Raum bewegen können", sagt Scharbach. Zu
beachten sind auch Regeln: Rauchen ist verboten, Handys und Uhren mit
einem Leuchtzifferblatt sind tabu.
Nach diesen Erklärungen beginnt der Gang in die Finsternis. Der
Kellner betritt mit seinen Gästen die Lichtschleuse. Die Tür
geht zu, es ist dunkel, der Kellner öffnet eine zweite Tür
zum Gastraum und führt die Besucher zu ihren Plätzen. Die
Kellner orientieren sich an den Bodenbelägen. Sie kennen alle Wege
im Lokal, haben sie hunderte Male trainiert. "Die Kellner halten
sich immer in der Nähe der Tische auf. Werden sie gerufen, sind
sie da", sagt Scharbach. Zum Beispiel, wenn ein Gast zur Toilette
geführt werden möchte. Sinn des Restaurants sei es nicht,
Sehenden zu demonstrieren, wie es ist, blind zu sein, sondern das Sehen
auszuschalten, um ihnen Schmecken, Hören und Riechen besser zu
ermöglichen.
Die Speisen servieren die Kellner nicht ohne Erläuterungen. Als
Hilfsmittel benutzen sie eine analoge Uhr, die sich jeder auch im Dunkeln
vorstellen kann. Da heißt es zum Beispiel: "Das Weinglas
steht auf 1 Uhr." Und damit der Kellner beim Eingießen nicht
über den Glasrand schwabbert, gibt's auch einen kleinen Trick:
Die Menge in den Flaschen ist meist geringer als die, die in die Gläser
passt.
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