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BZ, 09.09.2002
BZ-Reporterin
besuchte die "unsicht- Bar" in Mitte
von
Nicola Bauer
Geblendet
von der Dunkelheit schleiche ich mit unsicheren, kleinen Schritten durch
die Finsternis. Meine Augen blinzeln, mir ist, als ob Lichter und Blitze
flackern. Ich höre Stimmen, die ich nicht zuordnen kann. Und da
erklingt ein Klaviers. Doch ich sehe nichts und niemanden.
Es ist der Eröffnungsabend der unsicht-Bar, Berlins erstes Restaurant,
das von Blinden geführt wird. Und ich darf als eine der Ersten
in absoluter Finsternis speisen.
Auf dem Weg zum Tisch kralle ich mich mit meiner rechten Hand an der
Schulter der vor mir gehenden Frau fest. Vor zwei Sekunden habe ich
die Dame zum ersten Mal in meinen Leben gesehen. Nun kann ich sie nur
noch erfühlen.
Ich sehe die Hand vor Augen nicht
Als letztes Glied unserer Sechser-Kette, angeführt von einem der
22 blinden Kellner, befällt mich plötzlich Panik, verloren
zu gehen. "Die werden hier schon keine Treppen eingebaut haben",
versuche ich mich zu beruhigen. Aber mein Verstand will nicht mehr richtig
Herr über meine verwirrten Sinne werden. Zögernd schiebe ich
einen Fuß vor den anderen, von der Angst besessen, ins Leere zu
treten. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mich nach draußen führen
zu lassen. Dahin, wo ich etwas sehen kann.
"Erfühlen Sie den Stuhl, der links neben ihnen steht?",
fragt mich der Kellner. Ich greife erst ins Leere, bekomme dann das
glatte geschwungene Holz einer Stuhllehne zu packen, fahre an ihr bis
zur Sitzfläche hinunter und schiebe mich vorsichtig auf das mühsam
Ertastete.
Sitzend weicht die Anspannung langsam der Neugier. Alle Hände fahren
gleichzeitig über den Tisch, um sich zu orientieren. "Ups,
welchen Arm habe ich da in der Hand", kichert meine Sitznachbarin.
Dann serviert Kellner Roland unser Essen. "Das Wasser und ein Glas
stelle ich auf ein Uhr, die Brotkörbe genau in die Mitte und der
Teller steht direkt vor Ihnen", erklärt er die Anordnung von
Teller und Gläsern. Roland bleibt immer in unsere Nähe und
beantwortet geduldig unsere neugierigen Fragen. Aber was auf unseren
Tellern liegt, verrät er nicht. Das soll der Gast erschmecken.
Gewählt wird nur zwischen Fisch, Fleisch oder vegetarisch (Vier-Gänge-Menü
um die 35 Euro). Ich entscheide mich für vegetarisch.
Mit ausgestreckten Handflächen betaste ich vorsichtig, was auf
meinem Teller liegt. Zwei weiche Teigtaschen, wahrscheinlich Ravioli,
ein poröses rundes Etwas, das nach Pilz riecht und etwas Nasses.
Soße natürlich! Mutig nehme ich mit den Fingern den ersten
Bissen. Stelle zufrieden fest, dass die runden, leckeren Taler sich
nicht nur nach Pilzknödeln anfühlten und riechen, sondern
auch welche sind. Das Wasser musste ich selber einschenken, ich habe
keinen Tropfen verschüttet.
Nach dem Essen setzt sich unser Tischgemeinschaft wieder Richtung Ausgang
in Bewegung. Diesmal folge ich sicheren Schrittes der Gruppe, die Dunkelheit
hat nichts Beängstigendes mehr. Als ich nach draußen trete,
bin ich geblendet vom Tageslicht. Gesättigt und um ein faszinierendes
Erlebnis reicher.
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