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Wie ein blinder Berliner seinen Job verlor |
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Jörg Züfle ist von Geburt an blind. „Ich kann nicht sehen. Das ist alles", Wieder auf der Straße, steuert Züfle auf die Fußgängerampel zu, die im Am Arbeitsplatz drehten sie die Musik auf Wie lebt man, wenn man nichts sieht? „Ganz normal, hätte ich bis vor Kurzem gesagt.“ Züfle rückt die Sonnenbrille zurecht, er lächelt nicht. „Inzwischen musste ich akzeptieren, dass ich zu einer Randgruppe gehöre.“ Das meint er ironisch. Genau zwei Monate ging sein Berliner Leben gut – er arbeitete in einer Vertriebsfirma im Telefonverkauf, bis er merkte, dass die Produkte, die er verkaufen sollte, nicht in Ordnung waren. „Die Firma agierte am Rande des Betrugs, ich wollte damit nichts zu tun haben.“ Als er seine Vorgesetzten darauf ansprach, „lief im Büro plötzlich ununterbrochen laute Technomusik“. Für Blinde ist Lärm, was für Sehende Dunkelheit ist. „Laute Geräusche nehmen einem jede Orientierung.“ Er hielt die Musik zunächst für Gedankenlosigkeit. „Aber dann war plötzlich mein PC untauglich.“ Als er noch krankgeschrieben wurde, verlor er den Job. Inzwischen ist sein Verdacht: „Ich wurde wohl nur als soziales ‚Aushängeschild’ angestellt.“ Jörg Züfle wird jetzt noch wütend, wenn er daran denkt, aber er beherrscht sich. Er habe früh gelernt, seine Kräfte zu messen, sagt er. „Ich bin gut im Armdrücken.“ Er grinst. Im Schwarzwald, wo er behütet aufwuchs, lernte er schon als Kleinkind schwimmen und Ski fahren. „Meine Eltern wollten, dass ich selbstständig werde.“ Doch als er mit elf Landesjugendmeister im Skilanglauf der Behinderten wurde, stoppte ihn die ungerechte Wirklichkeit: „Gegen die Sehenden durfte ich nicht antreten, obwohl es dafür keine Begründung gab.“ Wer blind ist, hat eben behindert zu sein: Auf seiner Jobsuche habe er das wieder und wieder erfahren, sagt Züfle. So lud ihn eine große Kosmetikfirma in Düsseldorf ein. Der Personalchef führte viele Gespräche mit ihm – „dann hörte ich nichts mehr. Vielleicht hat man sich einfach nur gern mit mir, dem Blinden, unterhalten?“ Als er, inzwischen auf Hartz IV, Wohngeld beantragen wollte, „riet man mir, ich solle doch gleich Rente beantragen. Jemand wie ich finde ohnehin nie wieder einen Job.“ Doch er machte weiter, trampte zu Vorstellungsterminen, sparte. Für Geburtsblinde "Nicht geschult" Und hörte sich weitere Ratschläge an. Umschulungen, ehamaßnahmen, Anträge auf Zuschüsse und milde Gaben. „Aber ich will mein Geld selbst verdienen.“ Schließlich kam ein hoffnungsfroher Anruf: „Man habe eine feste Stelle für mich, hieß es. Und dann stand ich in einer Behindertenwerkstatt!“ Züfle schluckte seinen Ärger hinunter. „Ich kann arbeiten, in mehr Berufen als viele andere“, sagt Züfle. „Mir fehlt nichts außer einem Job – und jemandem, der an mich glaubt.“ Der Lapsus war ausgerechnet den Experten des Berliner Integrationsfachdienstes unterlaufen. Sieben Spezialisten bemühen sich um Arbeit für Menschen mit Handicaps – meist solche, die durch Unfälle oder Krankheit zu Rehafällen wurden. Für gut ausgebildete Geburtsblinde“ sei man nicht geschult, heißt es. Das Recht auf Gleichbehandlung ist im Grundgesetz verankert. Von einem Recht
auf Karriere, auf ein höheres Einkommen als in Fördermaßnahmen oder
Behindertenwerkstätten steht nichts darin. Stephan Großgerge,
Diplom-Rehapädagoge, arbeitet seit zwei Jahren an diesem Problem – in der
beruflichen Beratung von behinderten Menschen. „Taktilum“ heißt sein Verein. „Im Vordergrund steht bei uns nicht die Schädigung, sondern die Fähigkeiten
des Einzelnen.“ Mit seiner Hilfe hat Züfle inzwischen wieder eine Tastatur
mit Blindenschrift und einen geliehenen Laptop. Gut 20.000 Euro kostet eine
solche Anlage. „Zwar wird ein solcher Computer gefördert“, sagt Großgerge, Mehr als 1000 Bewerbungen hat Züfle verschickt – erfolglos. Dabei wären die Bedingungen für die Einstellung von Blinden in Deutschland eigentlich gut, dank Gesetzen, Zuschüssen und Förderung. Wie schwer die Suche dennoch ist, erforscht zurzeit der Marburger Arbeitsmarktexperte Heinz Willi Bach in einer aktuellen Studie. Bach, 60, ist selbst glaukomgeschädigt. „Dass ich heute überhaupt noch ein wenig sehen kann, grenzt an ein Wunder“, sagt er. Sein Augenlicht konnte durch Operationen teilweise gerettet werden. Bach arbeitet am PC mit einer speziellen Software, vergrößerter Schrift und der „Sprachausgabe“ am Computer: Eine synthetische Stimme liest Texte vor. Was für den Laien penetrant klingt, nennt Bach „das Beste, was es gibt“. Aggressivität auf der Straße gegen Behinderte Bach war lange Berater im höheren Dienst bei der Bundesanstalt für Arbeit in
Mannheim. Später ging er als Dozent für Arbeitsmarkt- und Behindertenfragen
an die dortige Hochschule. Für seine Studie hat er mehr als 300 Blinde und
Sehbehinderte aus akademischen und verwandten Berufen befragt. Sein Fazit: „Wer gut ausgebildet und kompetent ist, hat zum Beispiel in den IT-Bereichen
heute recht gute Chancen.“ Andere versuchten jedoch trotz guter
Qualifikation seit Jahren vergeblich, Fuß zu fassen. Entscheidend sei zum
einen die fachgerechte Beratung, so Bach: „Es fehlen die Spezialisten, in Das Wichtigste aber sei das Selbstvertrauen, sagt Bach. „Im Alltag begegnen
Blinde immer wieder kränkenden Äußerungen, ungerechtfertiger Kritik,
persönlichen Angriffen.“ Dazu komme oft eine gewisse Scham. „Weil heute die
meisten Sehschäden erst im Laufe des Lebens auftreten, erinnern sich die
Betroffenen an das Bild des ‚ungeschickten Blinden’ und leiden an der
Vorstellung, nun selbst so zu erscheinen.“ Bach veranstaltet Seminare, um
damit besser zurechtzukommen. In Rollenspielen wird geübt, auf Vorurteile
schlagfertig zu reagieren. Im kommenden Jahr, sagt Bach, plane er einen
erweiterten Kurs „Qi Gong und die Selbstverteidigung mit dem Langstock.“ Anja R. (Name geändert) ist ein Beispiel für das Selbstbewusstsein, das Bach meint. Einen typischen „Blindenberuf“ habe sie nicht, Anja R. lächelt, „aber es war eben mein Traumjob“. Die 34-Jährige arbeitet im gehobenen Dienst des Auswärtigen Amtes. „Ich hatte schon immer Spaß an Sprachen, wollte die Welt sehen.“ Ihre Bewerbung stellte die Auswahlkommission der Fachhochschule des Bundes jedoch vor ein Problem. Anja R. ist blind. „Wenn in der Kommission nicht jemand Erfahrung mit einer blinden Mitarbeiterin gehabt hätte, wäre ich wohl nicht hier.“ So aber konnte sie die Ausbildung beginnen – als einzige sehbehinderte Studentin. Viele zahlen lieber, statt einzustellen Doch für Ausbilder und Arbeitgeber sind oft nicht Gesetze und Zuschüsse
entscheidend, um schwerbehinderte Menschen einzustellen, sondern praktische
Erfahrungen. Auch Anja R.s Gymnasium in Schleswig-Holstein ließ sich erst
nach vielen Bitten der Eltern auf die blinde Schülerin ein. Anja R. lenkt
den Blick darauf, wie die Hindernisse gemeistert wurden. „Ich hatte viele
Freunde, die mir die Wege zeigten. Die Lehrer erstellten digitale Dateien
für den PC oder bestellten Reliefs mit Landkarten bei Spezialbibliotheken.“ Anja R.s Büro liegt im Neubautrakt des Amtes. Türen und Flure sind breit und
barrierefrei, die Knöpfe im Fahrstuhl tragen Brailleschrift. Ihr Auf dem Flur kommt ein Kollege vorbei – im Rollstuhl. Auch für Mitarbeiter mit Behinderungen gelte hier uneingeschränkt das Leistungsprinzip, betont man im Auswärtigen Amt. Von etwa 6900 Beschäftigten seien rund 300 behindert, davon 250 schwerbehindert, damit ist die gesetzliche Quote erfüllt. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Arbeitgeber zahlen lieber die Ausgleichsabgabe. Wohl auch deshalb sucht Jörg Züfle weiter nach einem Job. Er hat inzwischen
Werbeslogans geschrieben und ein Buch – mit Hilfe einer sehenden Bekannten. |
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