Mit dem Bus über die Straße


Berliner Zeitung, 18. Dezember 2010

von Marian Schäfer

Der Verkehr rauscht über den Kurt-Schumacher-Damm nach Charlottenburg. Werner Schmitz muss sich seine sprechende Uhr ganz nah an sein Ohr halten: „10.30 Uhr, gleich müsste der Bus kommen“, sagt der 61-Jährige. Werner Schmitz will zum Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf und wartet auf den 128er. Er steht auf der falschen Seite, der Bus fährt von hier zum Flughafen Tegel, in die falsche Richtung. Aber das ist Absicht.

Schmitz zeigt mit dem Finger über den Damm auf die gegenüberliegende Haltestelle: „Wenn ich zum Arzt, einkaufen oder nur einen Kaffee trinken will, müsste ich da rüber gehen und in den Bus einsteigen.“ Neben ihm ist eine Ampel, sie führt über die Aristide-Briand-Brücke direkt zu der richtigen Haltestelle.

Er könnte einfach rüber gehen. Aber Werner Schmitz ist blind und die Ampel nicht umgerüstet. Genauso wenig wie jede andere zwischen Kurt-Schumacher- und Jakob-Kaiser-Platz. 4,8 Kilometer Straße und keine einzige blindengerechte Ampel. Deshalb fährt Schmitz jedes Mal, wenn er auf die andere Straßenseite will, einen Umweg über den Flughafen. Er nimmt sozusagen den Bus über die Straße.

Der 128er hält, Schmitz tastet sich zur Tür vor. Sein Stock schiebt sich durch Schnee, es ist glatt. „Morgen“, sagt die Busfahrerin, „der Platz ganz vorne links ist frei.“ Wer öfter auf dieser Linie fahre, kenne Werner Schmitz, sagt sie. Der 61-Jährige klappt seinen Blindenstock zusammen und setzt sich. Dann geht es los in Richtung Flughafen.

Werner Schmitz war nicht immer blind. Früher war der 61-Jährige U-Bahn-Fahrer. Und an den Wochenenden ging es auf Tour, mit der Band in verqualmte Country-Schuppen. „Manchmal haben meine Augen ziemlich gebrannt. Aber ich dachte: Kommt von allein, geht von allein“, sagt er. Manchmal sah er verschwommen, egal. Bis es 2002 so schlimm wurde, dass er zum Arzt ging. Diagnose: Grüner Star, eine Entzündung beider Sehnerven.

Er wurde operiert, erfolglos. Seit 2007 ist Schmitz blind. Seitdem fährt er die Schleife über Tegel – und kämpft für die Umrüstung der Ampel an der Aristide-Briand-Brücke. Für Mitte 2009 sei diese angekündigt worden. „Aber nichts ist passiert, Anfragen werden nicht mehr beantwortet.“

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bestätigt, dass die Umrüstung geplant und die zuständige Firma beauftragt sei. Seit 2006 sind die Berliner Ampeln in privater Hand, die Firma Stadtlicht habe bauliche Schwierigkeiten gemeldet. Wann umgerüstet werde, wisse man nicht.

Der Bus hält am Flughafen-Terminal. „Bitte aussteigen“, sagt die Busfahrerin. Werner Schmitz könnte eigentlich sitzen bleiben. Es wird derselbe Bus sein, der ihn zum Kurt-Schumacher-Platz bringt. „Aber sie hat ihre Richtlinien“, sagt der 61-Jährige und steigt aus. Es sind keine 100 Meter bis zum Abfahrtspunkt.

Für Werner Schmitz ist es ein längerer Weg. Der Bus ist schon da, die Tür geöffnet und die Fahrerin sieht aus, als wolle sie sich entschuldigen.„Alles in allem“, sagt der 61-Jährige, „kostet mich die Schleife eine halbe Stunde.“ Der Bus fährt los Richtung Kurt-Schumacher-Platz.

Wieso lässt er sich beim Überqueren nicht einfach helfen? „Einmal musste ich über eine Straße“, erzählt Schmitz, „da habe ich ein paar Jugendliche gefragt, ob die Ampel grün ist. Sie sagten ja, ich lief los und hörte zum Glück die Autos kommen.“ Er sei misstrauisch geworden. Der 61-Jährige erzählt von Restaurants, die ihm schlechtes Essen andrehen, von Kellnern, die ihn prellen, und von Dieben, die ihn beklauen wollten. Auch deshalb will er seinen richtigen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen.

„Als meine Augen noch gesund waren“, sagt der 61-Jährige, „habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie es so ist, als Blinder in dieser Stadt. Man fühlt sich als Mensch zweiter Klasse.“

Der Bus rollt an der Aristide-Briand-Brücke vorbei. Nach einigen Minuten hält er am Kurt-Schumacher-Platz. Im Shopping-Center will Werner Schmitz einen Kaffee trinken und noch schnell etwas zu essen kaufen. Dann geht es wieder zurück. Mit dem 128er Bus, dieses Mal ohne Umweg über den Flughafen. Denn hier am Kurt-Schumacher-Platz gibt es eine blindengerechte Ampel.

26.000 Betroffene in Berlin

Die Betroffenen: In Berlin leben ungefähr 26.000 Menschen, die blind oder sehbehindert sind. 6000 sind blind, 20.000 sehbehindert.

Die Regel: Als sehbehindert gelten diejenigen, die auf ihrem besseren Auge trotz Brille eine Sehschärfe von weniger als 30 Prozent haben. Als blind gelten diejenigen, deren besseres Auge eine Sehschärfe von weniger als zwei Prozent aufweist.

Haltestellen: Berlin hat 800 Straßenbahn-Haltestellen, von denen 519 mit Blindenleitstreifen ausgestattet sind. Von den 173 U-Bahnhöfen haben 106 Blindenleitstreifen. Von den 166 S-Bahnhöfen in Berlin und Umland sind 94 mit Blindenleitsystem ausgestattet. Für Omnibushaltestellen gibt es weder bei der BVG noch in den Bezirken genaue Zahlen.

Ampeln: In Berlin gibt es etwa 2000 Ampeln. 1380 sind laut Senatsverwaltung blindengerecht. Sie sind mindestens mit einem Signalgeber ausgestattet. Nur 563 davon sind voll ausgestattet: Die Ampel hat nicht nur einen Signalgeber, sondern auch der Bordstein ist abgeflacht und die geriffelten Achtungsstreifen sind angebracht.

Die Privatisierung: Die Ampeln gehören zwar noch dem Land Berlin. Seit 2006 werden sie aber von der Firma Stadtlicht betrieben.

Die Umrüstung: Der Senat vergibt weiterhin die Aufträge für Umrüstungen von Ampeln. Er stellt dafür jährlich eine Million Euro zur Verfügung. Die Summe reicht allerdings oft nur für weniger als 20 Anlagen aus, da bei einer Umrüstung immer die Vollausstattung erfolgen muss. Die Ampel muss dann nicht nur blindengerecht, sondern auch barrierefrei werden.

Bildunterschrift: Werner Schmitz war nicht immer blind. Früher war der heute 61-Jährige U-Bahn-Fahrer. Foto: Sven Lambert


„Endlich Versäumtes nachholen“

von Marian Schäfer

Herr Scharbach, wie blindengerecht ist Berlin?

Das muss differenziert betrachtet werden. Gut ist, dass es inzwischen in Bussen und Bahnen Lautsprecheransagen gibt. Zudem gibt es eine Reihe von Ampelanlagen, die mir ein Grünsignal akustisch vermitteln können.

Aber?

Weniger gut ist, dass man die Ansagen häufig gar nicht versteht. Das trifft aber nicht nur mich, sondern auch Sie. Und an Bushaltestellen würde mich schon interessieren, welcher Bus da gerade kommt und wo der hin will. Mit geringem technischen Aufwand wäre es möglich, dass Busse Ansagen abstrahlen. Das gilt natürlich in derselben Weise für Straßenbahnen. Davon abgesehen, sind blindengerechte Ampeln so eingerichtet, dass ich zunächst ein Dauersignal (Tacker) habe, das mir sagt, dass da eine Ampel steht. Das Grünsignal aber muss ich extra anfordern.

Und was ist so schlimm daran?

Wer muss das sonst? Das müssen nur Blinde. Für jeden Autofahrer und jeden Fußgänger wird im Regelfall die Grünphase automatisch angezeigt. Die Erschwernis, diesen Schalter zu finden und überhaupt zu wissen, dass es ihn gibt und wie man ihn auslöst, wird nur blinden Verkehrsteilnehmern zugemutet.

Und warum ist das so?

Anwohner könnten sich gestört fühlen. Dafür haben wir auch Verständnis. Gleichwohl kann man die Dinger so einrichten, dass sie sehr leise sind und sich dem allgemeinen Geräuschpegel anpassen. Man muss es nur wollen.

Schaffen Sie es zurzeit überhaupt bis zu den Masten? Ich sehe oft große Schneeberge.

Das Problem gab es schon im vergangenen Jahr. Die Fußgängerfurten werden frei gemacht und der Schnee zu den Masten geräumt. Unser Bemühen, im Gesetzgebungsverfahren dafür zu sorgen, dass die Ampelmasten freigehalten werden müssen, ist aber ins Leere gelaufen.

Macht es eigentlich einen Unterschied, ob ich als Blinder im Zentrum oder in einem Randgebiet lebe?

Zumindest gibt es alles andere als eine Flächendeckende Versorgung mit blindengerechten Ampeln. Die Entscheidung darüber, wo etwas gemacht wird, hängt nicht unbedingt davon ab, wo es notwendig ist. Aus Kostengründen wird da umgerüstet, wo sowieso etwas gemacht wird. Vor diesem Hintergrund ist es logisch, dass sich blindengerechte Ampeln dort vermehren, wo das Land viel tut.

Seit 2006 sind die Ampeln in privater Hand. Was hat sich seitdem getan?

Damals ist vereinbart worden, dass 618 Anlagen modernisiert werden. Dieser Prozess ist inzwischen abgeschlossen. Aber nur 120 davon sind - obwohl modernisiert - jetzt auch blindengerecht. Das ist beschämend.

Woran könnte das liegen?

Daran, dass man uns seinerzeit nicht einbezogen hat, obwohl wir nachdrücklich darum gebeten haben, zumindest die uns betreffenden Passagen des Vertrags im Vorfeld gezeigt zu bekommen. Aber nicht einmal die Mitglieder des Abgeordnetenhauses bekamen den Vertrag zu Gesicht. Man kann also nur rätseln. Entweder, man hat uns vergessen, oder man hat es angesichts natürlich höherer Kosten einfach nicht gewollt. Was bleibt, ist unsere Enttäuschung darüber, dass gerade einmal 20 Prozent der Anlagen umgerüstet wurden.

Das Land gibt dafür jährlich eine Million Euro ...

... und spart gerade 50 Millionen bei der S-Bahn ein. Da wäre es doch das Gebot der Stunde, Versäumtes nachzuholen.

Der Senat sagt, dass zwei Drittel aller Ampeln blindengerecht sind.

Das stimmt zwar, hat aber seine Ursache in den Jahren vor der Privatisierung. Seither reißt es dramatisch ab und es deutet auch nichts darauf hin, dass mehr als diese 20 Prozent umgerüstet werden. Und wenn Sie sich das auf einige Jahrzehnte vorstellen, dann wird das dazu führen, dass der Zweidrittelstand, den wir meinetwegen heute haben, auf einen deutlich geringeren Wert sinken wird.

Müsste man vertraglich nachbessern?

Natürlich. Aber das kriegt man nur hin, wenn man es politisch will.

Was müsste sich also zukünftig ändern?

Es ist nicht damit getan, die UN-Behindertenrechtskonvention zu unterschreiben. Man muss sie auch leben. Teilhabe gehört dort zu den wesentlichen Maximen. Wenn mir die Straßenbahn aber nicht einmal ansagt, wo sie hinfährt, dann ist es mit der Teilhabe schon fast Essig. Oft fehlt es aber am Grundverständnis gegenüber den Betroffenen.

Bildunterschrift: Manfred Scharbach, 55, Geschäftsführer des Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten Vereins Berlin.

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