Das S ist ein Kreis auf dem Handteller

Berliner Zeitung, 19. Dezember 2005

Wie sich Menschen, die weder sehen noch hören können, bei ihrer Weihnachtsfeier unterhalten

Es kommt kein Weihnachtsmann. Und auch Weihnachtsmusik wird nicht gespielt. Auf den gedeckten Tischen brennen Kerzen, aus Glitzerpapier hat jemand Weihnachtssterne geschnitten und neben die Teller gelegt. Fritz Dahms Finger tasten von unten die Kerze empor. Als sie an die Flamme kommen, zuckt er zurück. Jetzt weiß er, die Kerze brennt. Der 70-Jährige kann von Geburt an nichts sehen. Im Laufe seines Lebens wurde der gelernte Klavierstimmer dann auch noch taub.
An diesem sonnigen Mittag sitzt Fritz Dahms mit 20 anderen Taubblinden bei der Weihnachtsfeier des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (ABSV) Berlin in einem Restaurant in Weißensee.
Weihnachtsmann und Weihnachtsmusik gibt es also nicht - dafür aber natürlich Geschenke. Und ein ordentliches Festessen.
Für Außenstehende ist das ein ungewöhnliches Bild: Schon die Begrüßung verläuft fast lautlos und langsam. Die Betreuer bringen die Taubblinden zusammen, führen ihre Hände zueinander. Viele umarmen sich und lachen. Der körperliche Kontakt ist ganz wichtig. Denn tasten und fühlen können sie alle. Wer noch einen Rest Sehvermögen hat, verständigt sich mit Gebärdensprache. Alle haben sich schick gemacht, in vielen Gesichtern ist Freude zu sehen. "Eine Weihnachtsfeier für uns Taubblinde ist ganz wichtig", sagt Ursel Bayer. "Hier können wir uns austauschen." Seit 20 Jahren ist die agile Frau taub und blind. Aber nicht stumm.
Wer sich mit der 74-Jährigen unterhalten will, muss das mit Hilfe des Lorm-Alphabets über ihre Handflächen tun. Das Alphabet ist gar nicht so schwer zu erlernen. Für jeden Buchstaben gibt es festgelegte Zeichen und Bewegungen auf der Hand. Die Vokale liegen auf den Fingerspitzen, beim E wird der Zeigefinger angetippt, der Buchstabe S ist ein Kreis auf dem Handteller, beim F werden Zeige- und Mittelfinger kurz zusammengedrückt. Mit einem leichten Schlag auf die Hand wird das Wortende signalisiert. Manchmal errät Ursel Bayer schon nach einigen Berührungen, die Buchstaben bedeuten, das Wort und antwortet dann sofort. B und A reichen zum Beispiel schon - sie sagt "Baustelle", als es im Gespräch um den Alexanderplatz geht, der für Sehbehinderte im Moment so schwer zu überqueren ist. Schätzungen zufolge gibt es in Berlin etwa 400 Menschen, die die beiden wichtigen Sinne verloren haben.
Ein paar Plätze weiter hat Manfred Schmidt, der Vorsitzende des ABSV, seinem Freund Fritz Dahms gerade auf seiner Blindentafel, auf der er in der ertastbaren Brailleschrift formulieren kann, ein paar Sätze aufgeschrieben. Schmidt ist fast blind, er kann nur noch hell und dunkel unterscheiden. Aber in einem enormen Tempo pikst er mit einem Stift Buchstaben für Buchstaben nebeneinander in seine Tafel und schiebt sie zu Dahms hinüber. Die beiden kennen sich schon sehr lange. Dahms Fingerspitzen gleiten über die aneinander gereihten Punkte. Sein Kopf ist konzentriert nach vorn gerichtet.
Schmidt hat ihm geschrieben, wer er ist und dass einige ihrer gemeinsamen Freunde gestorben sind. Aber Ursel Bayer sei da. Da wird Fritz Dahms ganz aufgeregt. Die Betreuer bringen die zwei zueinander. Die beiden Taubblinden umarmen sich und fassen sich an den Händen.
Dann feiern sie weiter Weihnachten, trinken Wein, Bier und Saft, essen Ente mit Rotkohl und Klößen und haben sich viel zu erzählen - mit ihren Händen. Sie brauchen keinen Weihnachtsmann.

Bildunterschrift: Ein Gespräch auf andere Art und Weise: Taubblinde unterhalten sich mit Hilfe ihrer Hände bei der Weihnachtsfeier.

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