Blinde protestieren gegen Kürzungen


Berliner Morgenpost, 22.07.2003

S. 15:
Verlierer


Blinde

Der Senat kürzt das Landespflegegeld für Blinde und stark Sehgeschädigte. Und weil kein Senator dem anderen ein Auge aushackt, verkauft es Sozialsenatorin Knake-Werner als Erfolg, dass Finanzsenator Sarrazin die Leistungen nicht komplett zusammengestrichen hat. Andernorts wurde schon immer weniger gezahlt. Statt 30 Millionen Euro müssen die Sehbehinderten also nur 8 Millionen hergeben. Da sage einer, der Senat habe kein Auge aufs Soziale. Seite 16


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Landespflegegeld für 2000 Sehgeschädigte um bis zu 50 Prozent gesenkt - Verein startet Unterschriftenaktion

von Joachim Fahrun

Vor einem Szenario hatten die Koalitionspolitiker stets große Sorge: Rot-Rot regiert, und vor dem Rathaus demonstrieren die Blinden und Rollstuhlfahrer gegen die Kürzungen. Ganz so weit ist es noch nicht, aber gestern haben zunächst die Blinden eine Protestaktion gestartet. Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) eine Unterschriftenaktion gegen die Senkung des Blindengeldes eingeleitet. "Ich befürchte, sie fangen mit uns Blinden an und nehmen sich dann die anderen Gruppen vor", sagte der Vereinsvorsitzende Manfred Schmidt.
Blinde müssen künftig mit 20 Prozent weniger, hochgradig Sehbehinderte mit bis zu 50 Prozent weniger Zuschüssen auskommen. Bisher zahlte das Land als Ausgleich für die Behinderung Blinden, die nicht kriegsversehrt sind, 579 Euro, demnächst noch 463 Euro. Der Zuschuss für hochgradig Sehbehinderte sinkt von 239 auf 117 Euro im Monat. Insgesamt beziehen 2000 Berliner diese Leistung.
Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) wertet es als Erfolg, dass das Landespflegegeld überhaupt erhalten bleibt. Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) wollte es komplett streichen und so mehr als 30 Millionen Euro sparen. Jetzt müssen die Sehbehinderten "nur" 8 Millionen Euro hergeben. Auch die abgesenkten Sätze liegen laut Sozialverwaltung noch im Mittelfeld der Bundesländer. Viele Länder, darunter etwa Bremen und Brandenburg, zahlten erheblich weniger. Außerdem behandle Berlin minderjährige Blinde genauso wie Erwachsene, während andere Länder Jugendlichen nur die Hälfte geben. Für blinde Sozialhilfeempfänger ändere sich außerdem gar nichts, versichert die Sprecherin der Sozialsenatorin. Sie bekämen weiter den bisherigen Satz von 579 Euro nach dem Bundessozialhilfegesetz.
Für die Blinden ist die Kürzung dennoch schmerzhaft. "Wenn ich 120 Euro weniger habe, kann ich mir weniger Hilfsdienste leisten und komme seltener aus dem Haus", sagt die 64-jährige Roswitha Röding aus Tiergarten. Der ABSV-Vorsitzende Manfred Schmidt verweist auf die teuren Hilfsmittel für den Alltag, zu deren Anschaffung das Blindengeld gezahlt wird. Ein Kochbuch, Normalpreis 15 Euro, koste in Blindenschrift 102 Euro.

Bildunterschrift: Manfred Schmidt liest im 102 Euro teuren Blindenkochbuch

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Protestaktion Blindengeld

 


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