Glatte Gebäude, raue Straßen

Berliner Zeitung, 23.02.2011

Blinde Menschen können die Stadt als Miniaturmodell ertasten. Es soll bei der Orientierung helfen

von Sonja Kaun, Anne Minnich

Manfred Scharbach fährt mit seinen Fingern über einen Bahnhof. Er glaubt, es sei der Hauptbahnhof. Er tastet sich an der Spree entlang, bevor er auf einem röhrenförmigen Dach stoppt. Eine Besucherin sagt ihm, dass es sich um den Bahnhof Friedrichstraße handelt. "Ich wusste gar nicht, wie rund der ist", sagt Scharbach.

Der 55-Jährige ist blind und Geschäftsführer des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin. An diesem Tag erfühlt er seine Stadt mit Hilfe eines Modells, das in der Ausstellung "Berlin - begreifbar machen" in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung steht. Auf 1,5 mal 4 Metern können sehbehinderte Menschen die Architektur des Stadtzentrums mit den Händen erleben: von der Charité im Norden bis zum Mehringplatz im Süden, von der Deutschen Oper im Westen bis zum Strausberger Platz im Osten. Der Maßstab 1:2000 verschafft den Besuchern einen Überblick, gleichzeitig sind die Gebäude groß genug, um sie zu erkennen. Einige bedeutende Bauwerke wie das Brandenburger Tor oder der Reichstag sind größer, damit die Besucher sie besser abtasten können.

"Wir haben das Modell bauen lassen, weil wir körperlich beeinträchtigten Menschen einen Eindruck von unserer Stadt vermitteln wollten. Sie sollen sich freier bewegen können", sagt Pressesprecher Mathias Gille von der Senatsverwaltung. Dazu gehört auch, sich seine Umwelt räumlich vorstellen zu können. Das Modell soll bis zum 4. März in der Senatsverwaltung zu sehen sein. Für die Zeit danach wird noch ein fester Ausstellungsplatz gesucht. Im Gespräch ist der Lichthof der Senatsverwaltung am Köllnischen Park, wo bereits zwei andere Stadtmodelle stehen.

Manfred Scharbachs Finger wandern wieder auf die Spree. "Die Wellen sind gelungen. Die Macher haben Liebe zum Detail bewiesen." Durch seine klar definierten Kanten und unterschiedlichen Oberflächen lässt sich das aus Sand und Kunststoff bestehende Modell besonders gut ertasten. Während sich die Gebäude glatt anfühlen, sind Straßen rau. Die meisten Stadtmodelle sind normalerweise aus Bronzeguss. "Der Guss bildet jedoch abgerundete Formen, was für blinde Menschen schwer erfühlbar ist", erklärt Mathias Gille.

200 Studenten der Technischen Universität (TU) haben gemeinsam mit einem Team aus Sehbehinderten ein Jahr lang an dem Modell gebaut "Sie kamen mit einer Wagenladung an Styropor-Modellen vorbei", sagt Scharbach. Die Vereinsmitglieder sollten probetasten und verbessern. 50000 Euro kostete das Mini-Berlin. Künftig soll es durch akustische Informationen ergänzt werden.

Scharbach bezeichnet das Stadtmodell in seiner jetzigen Form als "halbfertiges Produkt". Ohne akustische Ergänzungen kann er lediglich die Eisenbahntrasse und die Spree erkennen. "Alles andere bleibt ein Geheimnis." Langfristig erhofft er sich von dem Projekt, dass es die TU-Studenten und Ausstellungsbesucher für Sehbehinderte sensibilisiert. Momentan sei die Stadt noch nicht so blindengerecht, wie sie sein könnte. Viele Ampeln hätten keine akustischen Freigabesignale und an Bahnhöfen fehlten Außenansagen.

Zusammen mit dem Modell stellt die Senatsverwaltung ihr Handbuch "Design for all - Öffentlicher Freiraum Berlin" vor. Es soll zeigen, wie Berlin verändert werden müsste, um barrierefrei zu sein. Für Sehbehinderte würde das zum Beispiel heißen: Blindenschrift an Türen, kontrastreiche Schilder und unterschiedliche Bodenbeläge wie Metallplatten, Kies oder Noppen zur besseren Orientierung. "Ab jetzt wollen wir dieses Konzept konsequent umsetzen. Es liegt aber noch ein langer Weg vor uns", sagt Mathias Gille. Manfred Scharbach schlägt vor, gleich beim Senatsgebäude zu beginnen. Dort könnten Farbstreifen auf die Stufenkanten geklebt werden, damit Sehbehinderte leichter in die Ausstellung gelangen.

Das Modell steht bis zum 4. März in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Württembergische Straße 6, werktags 9-18 Uhr.

Rillen auf dem Boden

In Berlin leben laut Statistischem Landesamt rund 343.000 schwerbehinderte Menschen. 13.900 davon sind sehbehindert oder hochgradig sehbehindert, 2.600 sind blind.

Als sehbehindert gelten in Deutschland Menschen, deren Sehvermögen weniger als 30 Prozent beträgt. Hochgradig sehbehindert sind laut Bundessozialhilfegesetz Personen, die weniger als fünf Prozent Sehkraft besitzen. Nach Angaben der WHO gelten diese Personen bereits als blind. Gründe für eine Sehbehinderung können unter anderem der graue Star, eine verkrümmte oder getrübte Hornhaut sein.

Blind ist, wer ein Sehvermögen von weniger als zwei Prozent besitzt. Diese Menschen können teilweise noch hell und dunkel oder kleine Teile des Gesichtsfelds erkennen und werden in Deutschland als "praktisch" oder "gesetzlich" blind bezeichnet. Als absolut blind gelten Personen, die überhaupt nichts mehr sehen.

Eine barrierefreie Stadt fordert der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin. Blinde und Sehbehinderte sollen sich ohne technische Geräte, die sie mit sich führen müssen, frei überall hin bewegen können.

Dafür soll die Stadt alle Ampeln mit akustischen oder vibrierenden Freigabesignalen ausstatten. Außerdem sollen sämtliche Bahnhöfe und Haltestellen Außensprechanlagen und Rillen- oder Noppenbodenplatten zur besseren Orientierung erhalten.

Bordsteinkanten sollen bei Fußgängerwegen nicht komplett abgesenkt werden, damit Sehbehinderte leichter erkennen, wo die Straße beginnt. Zusätzlich fordert der Verein die Landesregierung auf, strikter gegen Fahrräder auf Gehwegen vorzugehen. Dies hätte in der Vergangenheit bereits zu verschiedenen Unfällen geführt.

Foto: Manfred Scharbach tastet über das Berlin-Modell in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sein Begleiter führt ihn und erklärt, was er gerade berührt.

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