Vorbild für blinde Menschen


Regional Rundschau, 24. Februar 2010

Ingrid David engagiert sich ehrenamtlich für Sehbehinderte

von Anett Kirchner

Bei Ingrid David laufen viele Fäden zusammen. Zum Beispiel hilft die Berlinerin beim Ausfüllen von Anträgen, kämpft um barrierefreie Zonen in Steglitz-Zehlendorf, gibt ihre Erfahrungen weiter und ist oft auch Seelsorgerin. Die 71-Jährige kennt keine Langeweile. Seit 17 Jahren leitet sie ehrenamtlich die Steglitzer Stadtteilgruppe des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV). Sie selbst ist ebenfalls blind.
„Die Arbeit im Verein empfinde ich für mich als Gewinn, denn dadurch bleibe ich fit“, erklärt die rüstige Rentnerin. Sie organisiere ohnehin gern und könne auch gut mit Menschen umgehen. Diese beiden Eigenschaften kämen ihr in vielerlei Hinsicht zugute. Organisation sei das A und O für eine Gruppenleiterin. Sechsmal im Jahr trommle sie ihre Mitglieder zu einer Versammlung zusammen. Derzeit zählt die Stadtteilgruppe rund 290 Mitglieder, etwa zehn Prozent davon sind blind, der Rest sehbehindert.
„Wir tauschen Neuigkeiten aus“, beschreibt sie. Zum Beispiel gäbe es im Moment eine ganz neue Technik für Hörbücher. Das sei vor allem deshalb interessant, weil die Hörbücherei einen wichtigen Platz im Leben eines Blinden einnähme. Außerdem habe David einen direkten Draht zur Verwaltung:
„Die Stadträte kennen mich alle“, schon da sie im Behindertenbeirat des Bezirkes sitze.
„Aufgrund meiner Initiative wurde zum Beispiel auch die Ampel am Steglitzer Rathaus blindengerecht umgebaut“, freut sie sich. Außerdem organisiere sie regelmäßig Tagestouren in die nähere Umgebung oder aller zwei bis drei Jahre eine einwöchige Reise.
Zuletzt seien sie an der Ostsee gewesen. „Wir haben uns dort alle besser kennen gelernt. Das schweißt zusammen“, findet sie. Schriftwechsel und Papierkram erledigt Ingrid David am Computer. Sie nutzt dafür eine spezielle Software für Sehbehinderte. Damit wird das geschriebene Wort einfach in Sprache umgewandelt und ihr vorgelesen. „Die moderne Technik erleichtert mir vieles“, erläutert die engagierte Seniorin. Inzwischen gäbe es sogar sprechende Uhren, Fahrstühle und Thermometer - eben fast alles. Früher sei der Alltag eines Blinden schwieriger gewesen.
Ingrid David ist gebürtige Berlinerin. Sie lebt in einer Partnerschaft mit einem sehbehinderten Mann. Allein verlasse sie ihre Wohnung nie. „Mir hilft entweder ein Zivi oder jemand von einem Mobilitätsdienst“, erläutert sie.
Mit neun Jahren erkrankte David an der Netzhaut. Ihre Sehkraft wurde im Laufe der folgenden Jahre immer schwächer. Seit 25 Jahren ist sie vollständig blind.
„Ich habe eine normale Schule besucht, aber nach zehn Jahren aufgehört, weil ich es nicht mehr schaffte“, führt sie weiter aus. Danach habe sie den Beruf der Blinden-Stenotypistin an der Blindenschule Steglitz gelernt. Es folgten
33 ausgefüllte Berufsjahre im Bundeskartellamt. Schon während dieser Zeit engagierte sie sich ehrenamtlich im ABSV, war unter anderem dort Schriftführerin. „Mir macht es Spaß, mich für eine Sache einzusetzen“, erklärt sie. Und wenn es ihre Gesundheit erlaube, werde sie das noch lange fortführen. „Ich denke, ich bin eine Art Vorbild für andere blinde Menschen“, so sie weiter. Denn durch ihren Einsatz würden viele erkennen, dass sie mit der Behinderung nicht verzweifeln müssen.

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