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Berliner
Zeitung, 25.01.2003
Die
Schauspieler sind nicht zu sehen, trotzdem ist die Vorstellung gelungen
von Claudia Lehnen
Es ist ein wenig so, als würde man in einen Topf tiefschwarzer
Tinte stürzen. Fast habe ich das Gefühl, mein Körper
hat aufgehört zu existieren. Was ich von ihm fühle, bilde
ich mir vielleicht nur ein. Gehirn in schwarzer Tinte. Ich muss an einen
dieser Comics denken: schwarzes Bild mit weißen Sprechblasen darin.
"Ich setze Sie hier auf dieses Sofa", sagt Verena, die blinde
Kellnerin, die uns durch das Schwarz geführt hat, und ich sehe
den Satz in einer weißen Sprechblase durch das Dunkel tanzen.
Überhaupt sehe ich eine ganze Menge. Neonfarben, gleißend
weiße Lichtblumen. Obwohl kein einziger Lichtschein die Bar erhellt.
Nach kurzer Zeit lässt das Feuerwerk nach. Ich sehe schwarz. Bedrohlich
ist das. Die Dunkelheit stürzt auf mich ein, entzieht mir meinen
Körper, drängt mich zurück.
Theater im Dunkeln soll heute in der Unsicht-Bar stattfinden. Wie das
funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Schon Weintrinken ist beängstigend
aufregend. Seit Verena mich auf das glatte, kühle Sofa platziert
hat, habe ich mich nicht mehr bewegt. Ich klammere mich an meinem Weinglas
fest, wenn ich spreche, drehe ich nicht den Kopf, ich kann ohnehin niemanden
anschauen. Als meine Tischnachbarstimmen mich dazu auffordern, mit ihnen
anzustoßen, treffe ich etwas Weiches, erst beim zweiten Versuch
treffen sich unsere Gläser.Nach dem Eröffnungsblues des Pianisten
Reinhard Walter beginnt das Stück "Ein dunkles, bitte!".
Die Schauspieler Marietta Rohrer und Fritz Eggert putzen in einer Szene
quietschend an einem blinden Fleck, sie singen und tragen Gedichte vor,
viele von Rainer Maria Rilke. Irritiert nehme ich wahr, dass das Gesprochene
immer aus einer anderen Richtung zu kommen scheint. Die Stimmen wirken
wie umherirrende Geister, die sich körperlos durch den Raum bewegen.
Für die beiden Schauspieler ist es ein besonderer Auftritt. Nicht
weil es schwierig ist, sondern "entspannend". Die Orientierung
in der Dunkelheit hätten sie schnell gewonnen, sagt Rohrer. Und
als Mime nicht auf Mimik zurückgreifen zu können, erleben
beide als bereichernde Erfahrung. "Ich habe kein ausgeprägtes
Bedürfnis, mich zu zeigen", sagt Eggert. Die Dunkelbühne
als idealer Arbeitsplatz.
Die Worte wabern durch den Raum, Klavierklänge tröpfeln sanft
auf uns herab, zarter Lavendelduft gibt dem Schwarz eine lilafarbene
Note. Kühl ist die Nussschale, die mir meine Nachbarin in die Hand
gedrückt hat, und wenn ich mit dem Fingernagel dagegen klopfe,
klingelt sie leise. Langsam bekomme ich Spaß daran, unbeobachtet
im Theater zu sitzen. Als eine Stimme "Der Mond ist aufgegangen"
zu mir schickt, gähne ich lautlos, aber ohne die Hand vor den Mund
zu halten. Ich fläze mich auf dem Sofa. Weil ich nicht mehr weiß,
wie viel Wein ich schon getrunken habe, stecke ich vorsichtig meinen
Zeigefinger ins Glas. Er wird bis zum Handknöchel nass. Vor Aufregung
habe ich ganz vergessen zu trinken.
"Ein dunkles, bitte!" wird heute, sowie immer donnerstags,
freitags und sonnabends bis 15. 2. in der Unsicht-Bar, Gormannstraße
14 aufgeführt. Einlass ist um 19.30 Uhr. Tel.: 24 34 25 00
Foto von Michael Brexendorff: Zwei Hände ertasten ein Wand-Relief.
Bildunterschrift: "Unsichtbar" steht in Blindenschrift an
den Wänden. Während der Vorstellung in vollkommener Dunkelheit
kann das Wort nur ertastet werden.
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