Wie Blinde Kunstwerke sehen


Berliner Morgenpost, 25. Januar 2010

Der Allgemeine Blinden- und Sehbehinderten Verein Berlin organisiert spezielle Führungen durch Ausstellungen und Museen.

von Karoline Beyer

Vorsichtig ertastet Brigitte Breitner die kleine Fläche vor sich. Ihre Hände gleiten über die Pappe, den Stoff und die Ränder. Vor ihrem inneren Auge entsteht ein Bild, eines der berühmtesten von Lucas Cranach: Das Porträt Martin Luthers. Es hängt zurzeit im Schloss Charlottenburg, zusammen mit 200 Exponaten in der Ausstellung "Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern".

Die 61-Jährige Brigitte Breitner ist eine von sieben Blinden oder Sehbehinderten, die an einer ganz besonderen Führung teilnehmen, regelmäßig organisiert vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV).

Der Verein veranstaltet auch Zoobesuche, bei denen bestimmte Tiere angefasst werden dürfen, oder Autofahren in einem Fahrschulauto auf stillgelegten Flugplätzen.

Sechsmal im Jahr führt Evelyn Friedrich von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Blinde durch Berliner Museen. Heute erklärt sie die Geschichte und das Aussehen ausgewählter Cranach-Bilder. Zu jedem Werk hat sie ein kleines "Ersatzbild" hergestellt: eine Pappe, auf die markante Elemente des Originals als Filzimitate geklebt sind. Auch ein nachgegossenes Urkundensiegel aus Wachs hat sie mitgebracht. Die Blinden können auf den Nachbildungen mit den Händen ertasten, wie Figuren und Gegenstände auf dem echten Bild angeordnet sind. Die 49-Jährige macht die Blinden-Führungen seit 2005 mit Begeisterung. "Wenn ich etwas für einen Blinden beschreibe, eröffnet mir das oft selbst eine ganz andere Sichtweise auf das Objekt. Mir fallen Dinge auf, denen ich sonst vielleicht keine so große Bedeutung beigemessen hätte, " sagt Evelyn Friedrich.

"Wenn Frau Friedrich ein Bild beschreibt, dann bekomme ich ein ungefähres Bild von dem, was Cranach gemalt hat", sagt Birgitte Breitner. Sie ist mit sieben Jahren erblindet. Die Farben, die sie als Kind gesehen hat, helfen ihr bei einer solchen Führung: "Meine Vorstellung der Farben, kombiniert mit den Formen, die ich auf dem Imitat fühle, projizieren ein Bild in meinem Kopf."

Die Treptowerin versucht, keine der angebotenen Führungen zu verpassen, auch wenn es für sie manchmal schwierig ist, dorthin zu gelangen. Ihr Mann begleitet sie normalerweise. Er ist zwar auch sehbehindert, kann aber unter anderem noch schwarze Schrift erkennen - das ist viel wert, wenn sich beide in öffentlichen Verkehrsmitteln zurechtfinden müssen. Diesmal fühlte sich ihr Mann sich nicht wohl und blieb Zuhause. Brigitte Breitner kennt zwar den Weg von ihrer Wohnung zur S-Bahn und weiß, wo sie aussteigen muss, aber das Umsteigen in den richtigen Bus und den Weg zum Schloss hätte sie vorher üben müssen. Deshalb hat sie sich kurz entschlossen ein Taxi geleistet. "Das ist natürlich eigentlich viel zu teuer, aber ich wollte unbedingt mitmachen, denn Frau Friedrich erklärt alles immer so schön plastisch." In manchen Ausstellungen ist es sogar erlaubt, Skulpturen anzufassen. "Am schönsten ist der glatte, kühle Marmor. Er ist meist so fein bearbeitet, dass ich das Gesicht einer Figur gut erkennen kann, wenn ich es ertaste", erzählt die 61-jährige.

Die Bilder-Ausstellung ist gut besucht. Die meisten Besucher sprechen leise, aber durch die vielen Stimmen entsteht ein ständiger Geräuschpegel. Der Parkettboden knarrt laut bei jedem Schritt. Diese Geräusche nehmen die Sehbehinderten als erstes wahr. Fast alle halten einen weißen Blindenstock in der Hand, der am unteren Ende eine große Plastikkugel hat. Sie verhindert, dass der Stock beim Gleiten an Hindernissen hängen bleibt.

Außerdem wird jeder Teilnehmer von einem Sehenden begleitet, der während der gesamten Führung an seiner Seite bleibt.

Anstelle ihres Mannes wird Brigitte Breitner diesmal von der Tochter des stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Detlef Friedebold geführt. Sie hat ihre Hand auf die Schulter der jungen Frau gelegt, die ihr beim Betreten jedes Raumes leise erklärt, was sie sieht. Brigitte Breitner kombiniert diese Beschreibungen mit ihren akustischen Wahrnehmungen.

Detlef Friedebold organisiert die Führungen, er ist selbst mit 30 Jahren erblindet. "Viele Blinde und Sehbehinderte drohen, durch ihr Handicap zu vereinsamen. Mit den Veranstaltungen versuche ich, sie zu motivieren, sich unter Menschen zu mischen", sagt er.

Die Führungen sind ein wichtiger Bestandteil in Brigitte Breitners Leben geworden. Zu jedem Objekt macht sie sich ihr eigenes Bild. Vielleicht entspricht es nicht ganz dem Original, aber es ist ein echtes Kunstwerk.

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