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Als ich einmal blind war |
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Berlin - "Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten, der Zug Richtung Vinetastraße fährt ein", warnt die Stimme aus dem Lautsprecher. Doch für mich gibt es kein vor und zurück mehr. Keine Orientierung. Ein kleiner Rempler, ein kleiner Stoß und ich könnte auf das Gleis stürzen. Doch wo beginnt der Abgrund? Ich kann nichts mehr sehen, alles ist stockdunkel. Und dann höre ich die Bahn heranrauschen. Es ist kein Alptraum. Meine Augen sind weit geöffnet, starren ins Schwarze. Als mein Knie gegen etwas Hartes stößt - ich ertaste eine Holzbank - ist das schmerzhaft. Es sind meine ersten Minuten als Blinde. In Steglitz erblinden zur Zeit bis zu tausend Menschen täglich. Und zwar freiwillig. In einer 400 Meter großen Blackbox wurden mit orginalgetreuer Kulisse und Geräuschathmosphäre typische Berliner Alltagsszenen nachgebildet: Ein U-Bahnhof, eine Straßenszene, eine Naturlandschaft, eine Badeanstalt und eine Bar. Der Berliner Blindenverein gibt mit der aufwendigen Aktion einen "Einblick" in die Welt derjenigen, die im Dunklen leben müssen. In Deutschland gibt es 155 000 Menschen, davon 5000 in Berlin, die ihre Welt nur durch hören, fühlen, riechen und schmecken wahrnehmen. Und in meinen 60 Minuten in der Blackbox im U-Bahnhof-Steglitz erlebe ich nicht nur, wie schrecklich das Leben ohne Augenlicht ist. Ich erfahre auch, wie wohltuend und schön es sein kann, die Welt mit unseren anderen Sinnen wahrzunehmen. Die ersten Momente sind beklemmend. Meine Augen gewöhnen sich nicht an die Finsternis. Jeder Schritt ist einer ins Ungewisse. Ich sehe weder Umrisse, noch Lichtschimmer. Und dann der große Schock, als die rechte Wand, die den 200 meterlangen verwinkelten Weg durchs Dunkle markiert, plötzlich nicht mehr zu ertasten ist. Hilflos wanke ich in die Richtung, aus der das Stimmenwirrwar, Hundegebell und die Straßenmusik kommt. Ich pralle gegen einen großen Metall-Kasten. Es ist ein Fahrkartenautomat, ich erkenne es an den vielen Knöpfen. Die U-Bahnstation. Die Angst, auf die Gleise zu stürzen. Eine fremde Frauenstimme, auch eine Besucherin, sagt: "Hans, hier gibt es Sitze. Ich glaube wir sind jetzt in der U-Bahn." Doch Hans antwortet nicht. Plötzlich greift eine Hand nach meinem Arm: "Hans bist du es?" "Nein", antworte ich und gehe mit der Frau auf die Suche nach Hans. Wir finden ihn wenig später auf dem aufgebauten Flohmarkt. Auf den langen Holztischen ist allerlei alter Schrott zu ertasten: Wasserkocher, Computertastatur, eine schmierige Perücke. Ich höre, dass irgendwo Vögel zwitschern. Inzwischen etwas sicherer auf den Beinen taste ich mich an der Wand weiter. Der Untergrund wird weicher. Grasboden. Und nun höre ich Frösche quaken. Leichter Wind weht. Eine Wohltat nach all den Großstadtgeräuschen. Ich atme tief durch, genieße die Natur. Aber der Höhepunkt meiner Reise durchs Dunkle ist erreicht, als ich am Tresen stehe. Hier schiebt mir der Barmann, ein "wahrer Blinder", ein kühles Bier in die Hand. Selten habe ich das Getränk so bewusst genossen. Auch die Plauderei mit dem Barmann ist wohltuend. Seine Stimme ist fröhlich und angenehm. Die Dunkelheit schafft eine vertrauliche Atmosphäre. Ich
bin dankbar für dieses Erlebnis. |
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