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Fahren nach Gefühl |
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von Maren Sauer Jürgen Bünte strahlt über das ganze Gesicht, als er aus dem metallicgrünen Mittelklassewagen steigt. Dabei waren seine Runden auf dem 800 Meter langen Oval vor dem Olympia-Stadion vergleichsweise gemächlich. Höchstens 40 ist er gefahren, und vor zwei Jahren auf dem Flugplatz in Werneuchen hatte er die Tachonadel noch über die magische 100 getrieben - während seiner Frau der Atem stockte. "Wenn man den Fahrtwind nicht hört, weil die Autofenster geschlossen sind, hat man ohnehin kein Gefühl für die Geschwindigkeit", sagt er. Folglich konnte das Schneckentempo den Spaß, etwas ansonsten Verbotenes zu tun, nicht mindern. Der Steglitzer hat keinen Führerschein und ist zudem blind. Schon als Kind nahm er die Welt nur durch einen Tunnelblick wahr. Mit der Zeit verengte der sich immer weiter, bis Bünte nur noch Grau sah, "mal ein freundliches Hellgrau, mal ein dunkles Grau". So wie ihm geht es 5000 Menschen in Berlin und etwa 155000 in ganz Deutschland. Sie lieben Trabis, weil die knattern und stinken. Sie hassen Radwege, die nur durch Farbmarkierungen von Gehwegen getrennt sind, weil diese mit dem weißen Langstock nicht erkannt werden können. Sie fordern die Chance, konventionelle Kreuzungen von solchen mit Grünpfeilen für Rechtsabbieger per akustischem Signal unterscheiden zu können. "Es ging uns beim Aktionswochenende 'Blind am Steuer' auch darum, Betroffenen den Herzenswunsch zu erfüllen, sich erstmals oder wieder hinters Lenkrad zu setzen", sagt Detlef Friedebold vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin. Über 400 taten es. Viele kamen nach mehrstündiger Anreise aus Hessen, Thüringen, dem Saarland oder Köln. 150 Fahrlehrer nahmen mit ihren Unterrichtsautos an der Veranstaltung teil, lotsten ununterbrochen Gehandicapte über den Parcours und Sehende, denen mit einer Augenbinde erst das Sehvermögen genommen werden musste. Christian Larsen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung probierte es als Erster. "Unbeschreiblich", meint er nach absolvierter Runde. Jede kleine Unebenheit auf der Straße mutiert zur Bodenwelle, das Gefühl für Entfernungen, Zeit und Raum ist völlig ausgeschaltet. Für Blinde ist dies etwas einfacher, weil sie ein Gefühl dafür haben, sich ohne Sehvermögen zu orientieren. Und
die Sehenden? Sie konnten sich ein wenig hineinversetzen, was es bedeutet,
am Verkehr teilzunehmen, ohne sehen zu können. Wenn es um Blinde
geht, sind auch Sehende manchmal blind. |
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